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Ein Trauermarsch, der ein Stück Demokratie zu Grabe tragen mußte – Teil 2 
Mein real-sozialistisches Déjà-vu

3. September 2018

Mit dem fei­gen Mord an Dani­el Hil­lig kroch vor über einer Woche ein Geist aus der Fla­sche, der längst end­gül­tig unter den Irrun­gen der Geschich­te begra­ben schien. Der Geist ist ein Ungeist. Ein Gespenst aus Ideo­lo­gie und Macht­ver­ses­sen­heit, das den Bür­gern der DDR mit aller­lei raf­fi­nier­ten und gewalt­träch­ti­gen Metho­den über Jahr­zehn­te ihre Frei­heit nahm.

Ich füh­le mich in die letz­ten Mona­te der DDR zurück­ver­setzt. Damals hat­ten selbst die Staats­treu­en längst erkannt hat­ten, daß das Land wirt­schaft­lich vor dem Kol­laps stand. Trotz­dem lie­ßen sie sich vor den Kar­ren eines Regimes spann­ten, um wenigs­tens nach außen hin, den schö­nen Schein bewah­ren zu kön­nen. Zugleich wuchs aber die Bür­ger­be­we­gung und das Heer an offen auf­tre­ten­den Regime­geg­nern von Tag zu Tag. Bevor sich die Bür­ger schließ­lich zu Tau­sen­den im Herbst 1989 auf die Stra­ßen wag­te und dem fau­len Zau­ber ein Ende setz­ten, bäum­te sich die ster­ben­de Dik­ta­tur ein letz­tes Mal auf.


- Anzei­ge -

Am 5. Febru­ar 1989 wur­de 20jährige Chris Guef­froyals als letz­tes Todes­op­fer der DDR bei einem Flucht­ver­such über die Ber­li­ner Mau­er erschos­sen.

Am 7. Mai 1989 fand eine Kommunal„wahl“ statt, bei der im Nach­hin­ein erst­mals eine Wahl­fäl­schung öffent­lich gemacht wur­de.

Am 7. Okto­ber 1989 beging die DDR mit dem 40. Jah­res­tag ihrer Grün­dung das letz­te gro­ße Pro­pa­gan­da­fest. Damals wur­den 100.000 Jugend­li­che aus dem gan­ze Land nach Ost-Ber­lin gekarrt, um ihre Sys­tem­treue öffent­lich zur Schau zu stel­len. Vie­le von ihnen fuh­ren aber haupt­säch­lich des­halb mit nach Ost-Ber­lin, weil es für sie eine sel­te­ne Abwechs­lung dar­stell­te und die „Haupt­stadt der DDR“ ein attrak­ti­ves Rei­se­ziel war, weil sie in allem bevor­zugt wur­de. Wäh­rend die Staats­füh­rung um Hon­ecker, Miel­ke, Krenz, Scha­bow­ski und wie sie alle hie­ßen mit ihren Gäs­ten (dar­un­ter Gor­bat­schow) bei Mili­tär­pa­ra­de und Jubel­fei­er zuge­gen sein, for­mier­te sich in den Stra­ßen der Stadt der Pro­test.

Damals fan­den sich neben zehn­tau­sen­den Staats­treu­en in bes­ter Fei­er­lau­ne am Nach­mit­tag des 7. Okto­bers auch etwa 7.000 meist jugend­li­che Regime­geg­ner auf dem Alex­an­der­platz ein, um gegen den Wahl­be­trug bei den Kom­mu­nal­wah­len vom 7. Mai zu pro­tes­tie­ren. Mit Sprech­chö­ren wie „Gor­bi, hilf uns“, „Wir sind das Volk“, „Kei­ne Gewalt“ und „Frei­heit“ ver­such­ten sie sich Gehör zu ver­schaf­fen. Zunächst blo­ckier­te die Staats­macht mit meh­re­ren Poli­zei­ket­ten ledig­lich den Vor­marsch der Men­ge in Rich­tung „Palast der Repu­blik“, wo die Staats- und Par­tei­füh­rung mit ihren Gäs­ten – dar­un­ter Micha­el Gor­bat­schow – fei­er­te. Mit Mühe gelang es, den Pro­test­zug nach Nor­den, Rich­tung Prenz­lau­er Berg abzu­drän­gen.

Wäh­rend die SED-Scher­gen dar­auf war­te­ten, dasß Gor­bat­schow end­lich zum Flug­ha­fen abge­fah­ren war, wur­den bereits ver­git­ter­te LKWs, Was­ser­wer­fer und zahl­rei­che Kran­ken­wa­gen auf­ge­fah­ren. Eine Bla­ma­ge vor den Genos­sen aus Mos­kau soll­te um jeden Preis ver­hin­dert wer­den.

Als schließ­lich „die Luft rein war“, gab Sta­si-Chef Erich Miel­ke den Befehl zum Angriff mit den Wor­ten: „Jetzt ist Schluss mit dem Huma­nis­mus.“ Die Men­ge wur­de ein­ge­kes­selt und die Sicher­heits­kräf­ten gin­gen auf die Demon­tran­ten los und schlu­gen wahl­los auf sie ein. Dabei wur­de kein Unter­schied gemacht, ob die Betrof­fe­nen tat­säch­lich an den Pro­tes­ten betei­ligt waren, sich aus ande­ren Grün­den gera­de in die­sem Bereich auf­hiel­ten oder den Bedräng­ten nur hel­fen woll­ten.

Es kamen Was­ser­wer­fer und die neu ent­wi­ckel­ten Räum­git­ter-Fahr­zeu­ge zum Ein­satz, um die Demons­tran­ten aus­ein­an­der zu trei­ben. Hun­der­te wur­den fest­ge­nom­men und mit den LKWs zunächst auf ver­schie­de­ne Poli­zei­re­vie­re in der Nähe ver­schleppt. Als neben den Zel­len dort sogar die Gara­gen voll waren, wur­den die Men­schen in ganz Ost-Ber­lin ver­teilt ein­ge­sperrt.

In der sozia­lis­ti­schen Ein­heis­pres­se hieß das dann so:

„In den Abend­stun­den des 7. Okto­ber ver­such­ten in Ber­lin Ran­da­lie­rer, das Volks­fest zum 40. Jah­res­tag der DDR zu stö­ren. Im Zusam­men­spiel mit west­li­chen Medi­en rot­te­ten sie sich am Alex und Umge­bung zusam­men und rie­fen repu­blik­feind­li­che Paro­len. Der Beson­nen­heit der Schutz- und Sicher­heits­or­ga­ne sowie der Teil­neh­mern an den Volks­fes­ten ist es zu ver­dan­ken, dass beab­sich­tig­te Pro­vo­ka­tio­nen nicht zur Ent­fal­tung kamen. Die Rädels­füh­rer wur­den fest­ge­nom­men.“

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