Sachsen | Zeitgeschehen

Chemnitz: „Wir haben die Schnauze voll“ 
Nach Messermord offenbart sich das Totalversagen des Staates

27. August 2018

Wer sich heu­te die Bericht­erstat­tung des Nach­rich­ten­sen­ders n-tv und ande­rer Main­stream­me­di­en anschaut, muß mei­nen, eine Reinkar­na­ti­on Adolf Hil­ters sei in Chem­nitz aus dem Nichts auf­ge­taucht. Nun sam­melt er sei­nen brau­en Mob mit dem Ziel, die Macht in Deutsch­land wie­der an sich zu rei­ßen.

Heu­te Abend ist bei n-tv aus „aktu­el­lem Anlaß“ u.a. eine Doku­men­ta­ti­on mit dem Titel „Rech­te Gewalt – Brenn­punkt Sach­sen“ „in vol­ler Län­ge“ zu sehen. Ein poli­ti­scher Rund­um­schlag. Wil­de Spe­ku­la­tio­nen schie­ßen ins Kraut. Ent­rüs­tung herrscht dar­über, wie sich die Chem­nit­zer nur mehr vor Mes­ser­mör­dern (und gewalt­tä­ti­gen Asyl­mi­gran­ten gene­rell) fürch­ten als vor einem ver­meint­li­chen Nazi­auf­marsch. Man möch­te mei­nen, das Böse die­ser Welt kom­me aus­ge­rech­net aus Sach­sen!

Was man im Fern­se­hen hin­ge­gen völ­lig ver­mißt, ist eine Ana­ly­se der Ursa­chen und Hin­ter­grün­de des Gesche­hens. Da sich die Poli­zei weit­ge­hend bedeckt hält und Infor­ma­tio­nen nur scheib­chen­wei­se an die Öffent­lich­keit gelan­gen, wird in den sozia­len Netz­wer­ken immer noch wild spe­ku­liert. Fakt ist, daß die Aller­we­nigs­ten ges­tern in Chem­nitz dabei waren.


- Anzei­ge -

Sicher wis­sen wir aus den Pres­se­mit­tei­lun­gen der Poli­zei­di­rek­ti­on Chem­nitz von ges­tern 12:06 und 20:15 Uhr sowie der Pres­se­kon­fe­renz der Stadt Chem­nitz und des Innen­mi­nis­ters Wöl­ler und Ergän­zun­gen aus ande­ren, zuver­läs­sig erschei­nen­den Quel­len: Am frü­hen Sonn­tag gerie­ten in der Chem­nit­zer Brü­cken­stra­ße „meh­re­re Per­so­nen unter­schied­li­cher Natio­na­li­tä­ten“ anein­an­der. Drei der dar­an betei­lig­ten Män­ner im Alter von 33, 35 und 38 Jah­ren wur­den dabei teil­wei­se schwer ver­letzt ins Kran­ken­haus gebracht. Der 35jährige Dani­el Hil­lig, ein Deut­scher kuba­ni­scher Abstam­mung, gelern­ter Tisch­ler und Vater eines Kin­des, ver­starb noch in der Nacht an sei­nen schwe­ren Ver­let­zun­gen. Vom Tat­ort sei­en meh­re­re Per­so­nen geflo­hen, von denen ein 22jähriger und ein 23jähriger durch Fahn­dungs­maß­nah­men gestellt wur­den. Es wer­de „wegen des Ver­dachts des Tot­schla­ges“ ermit­telt. Der „Aus­lö­ser des Dis­pu­tes“ sei eben­so noch zu klä­ren, wie der genaue Tat­ab­lauf. Haft­be­feh­le wur­den dann schließ­lich gegen einen 22jährigen Syrer und einen 21jährigen Ira­ker bean­tragt.

Nach Bekannt­wer­den des Tötungs­de­lik­tes habe es dann meh­re­re Auf­ru­fe in den sozia­len Medi­en gege­ben, sich am Nach­mit­tag in der Chem­nit­zer Innen­stadt ein­zu­fin­den. Es hät­ten sich dar­auf­hin von 16 bis 17 Uhr vor­über­ge­hend etwa 100 Per­so­nen „im Bereich Brückenstraße/​Straße der Natio­nen im Bereich eines bestehen­den Info­st­an­des“ der AfD [der bereits im Vor­feld ange­mel­det wer­den muß­te, Anm. d. Verf.] ein­ge­fun­den. Vor­komm­nis­se hät­te es in die­ser Zeit kei­ne gege­ben.

Etwa zur glei­chen Zeit gab die Stadt Chem­nitz bekannt, daß das Stadt­fest, das eigent­lich noch bis zum Abend dau­ern soll­te, aus „Pie­täts­grün­den unter Anteil­nah­me am Vor­fall in den Mor­gen­stun­den“ abge­bro­chen wird. Auf Nach­fra­ge räum­te der Stadt­fest­or­ga­ni­sa­tor Sören Uhle ein, daß die­se Begrün­dung nur vor­ge­scho­ben wur­de, um „Panik“ unter den Besu­chern des Stadt­fes­tes zu ver­mei­den. Der wah­re Grund der Absa­ge sei die Sicher­heits­la­ge auf­grund der Ver­samm­lungs­auf­ru­fe im Inter­net gewe­sen. Uhle muß in der Pres­se­kon­fe­renz schließ­lich sogar, daß ohne die pro­ble­ma­ti­sche Sicher­heits­la­ge das Stadt­fest hät­te nor­mal statt­fin­den kön­nen. Am Vor­mit­tag sei das ja auch noch der Fall gewe­sen. Mit ande­ren Wor­ten: die Pie­täts­grün­de wur­den nur aus tak­ti­schen Grün­den vor­ge­scho­ben. Der Stadt Chem­nitz war es damit zu kei­ner Zeit ernst. So ein Mes­ser­mord ist ja auch nichts, was beun­ru­hi­gen oder sogar Panik aus­lö­sen könn­te, son­dern mög­li­cher­wei­se nur Teil der neu­en kul­tu­rel­len Viel­falt auch in der Kri­mi­na­li­tät. Und wer erwar­tet schon ech­te Anteil­nah­me mit dem Opfer und sei­nen Ange­hö­ri­gen von Poli­tik und Ver­wal­tung?

Gedenken am Ort der Tat
Geden­ken am Ort der Tat

Auf­grund eines wei­te­ren Auf­rufs – „Lasst uns zusam­men zei­gen, wer in der Stadt das sagen hat!“ – kamen gegen 16:30 Uhr dann etwa 800 Demons­tran­ten zum „Nischl“ und zogen von dort in einer Run­de durch die Innen­stadt zur Brü­cken­stra­ße zurück, wo sie sich nach und nach wie­der auf­lös­te. Dabei zeig­ten sie gegen­über der Poli­zei kei­ne Koope­ra­ti­ons­be­reit­schaft und bewar­fen die­se statt­des­sen mit Fla­schen und Stei­nen. Dar­auf­hin wur­den von der Poli­zei Pfef­fer­spray und Schlag­stö­cke ein­ge­setzt.

Die Poli­zei hat­te zunächst nur „gerin­ge Kräf­te vor Ort“ und for­der­te Ver­stär­kung (etwa 70 Beam­te) von der Bereit­schafts­po­li­zei aus Ein­sät­zen [Fuß­ball!] in Dres­den und Chem­nitz an.

Unter den Teil­neh­mern der „Ansamm­lung“ haben sich etwa 50 gewalt­be­rei­te Per­so­nen befun­den. Dabei han­del­te es sich  um die Fuß­ball­hoo­li­gans „Kao­tic Chem­nitz“ aus dem Umfeld des Chem­nit­zer FC. Hoo­li­gans sind bekannt­lich gene­rell nicht zim­per­lich, auch nicht außer­halb von Sach­sen. Mit Stand 20:15 Uhr lagen der Poli­zei vier Anzei­gen gegen Teil­neh­mer vor, zwei wegen Kör­per­ver­let­zung (ein Afgha­ne und ein Syrer wur­den geschla­gen), eine wegen Bedro­hung (gegen einen Bul­ga­ren) und eine wegen Wider­stan­des gegen Voll­stre­ckungs­be­am­te.

Weder ist das Abend­land unter­ge­gan­gen noch sind auch nur ansatz­wei­se Gewalt­aus­brü­che zu ver­zeich­nen gewe­sen, wie etwa bei den links­ex­tre­mis­ti­schen Aus­schrei­tun­gen wäh­rend des G20-Gip­fels im Som­mer 2017 in Ham­burg. Von „Hetz­jagd“, „Pogrom­stim­mung“ (Ane­ta Kaha­ne), „maro­die­ren­den Hor­den“ usw. nichts zu sehen. Im Ver­gleich zur Mes­ser­tat am Mor­gen gera­de­zu ein auf­ge­bausch­tes Pro­blem. Gewalt ist natür­lich gleich­wohl in allen Fäl­len zu ver­ur­tei­len.


Quel­le: Twit­ter


Das offi­zi­el­le Deutsch­land und sei­ne Hof­be­richt­erstat­ter schei­nen der­zeit nur ein Pro­blem zu haben: Wie kön­nen „rech­te“ Gewalt und Nazi­auf­mär­sche ver­hin­dert wer­den. Dar­über, wie sich Gewalt von Asyl­mi­gran­ten, Mes­ser­an­grif­fe, ver­hin­dern las­sen, machen sie sich kei­ne Gedan­ken. Offen­bar nei­gen nach ihrer Wahr­neh­mung der Rea­li­tät weder bestimm­te Kul­tur­grup­pen und Reli­gio­nen zu ver­mehr­ter Gewalt­be­reit­schaft und Kon­flikt­lö­sung per Mes­ser noch sind Demo­kra­tie, Rechts­staat­lich­keit und Grund­rech­te durch das auto­kra­ti­sche Poli­tik­ver­ständ­nis einer Ange­la Mer­kel ernst­haft in Gefahr.

Demonstranten am Abend des 27.August in Chemnitz
Demons­tran­ten am Abend des 27.August in Chem­nitz

Heu­te Abend gab es Kund­ge­bun­gen von „Rechts“ und von „Links“ in Chem­nitz. Am kom­men­den Sonn­abend wird die AfD eine gro­ße Demons­tra­ti­on in Chem­nitz ver­an­stal­ten. Bleibt zu hof­fen, daß die­se Wil­lens­be­kun­dun­gen end­lich zu den Ver­ant­wor­tungs­trä­gern durch­drin­gen. Sie sind nicht das Pro­blem, son­dern nur sei­ne – und zwar berech­tig­te – Fol­ge. Die „Wut­bür­ger“ wer­den nicht ver­stum­men, solan­ge sich ver­öf­fent­lich­te Empa­thie auf Sei­ten der ille­ga­len Ein­dring­lin­ge und lei­der all­zu oft auch der Täter kon­zen­triert und die Opfer ein­fach ver­ges­sen wer­den, weil sie den schö­nen Schein stö­ren.

Kei­ne poli­ti­sche Ver­samm­lung ist vor Miß­brauch durch Extre­mis­ten und geziel­ter Gewalt­pro­vo­ka­ti­on durch ein­ge­schleus­te Pro­vo­ka­teu­re sicher. Aber das kann nicht bedeu­ten, daß Ver­samm­lun­gen nicht mehr statt­fin­den dür­fen oder dif­fa­miert wer­den. Eine geziel­te Dis­kre­di­tie­rung poli­ti­schen Pro­tests kann näm­lich dazu benutzt wer­den, um Pro­tes­te zu unter­drü­cken und damit demo­kra­ti­sche Grund­rech­te durch Ein­schüch­te­rung aus­zu­he­beln.

Lichtermeer des Gedenkens an Daniel
Lich­ter­meer des Geden­kens an Dani­el

Ich wün­sche mir end­lich nach solch schreck­li­chen Taten, wie dem Mord an Dani­el und der Ver­let­zung sei­ner Beglei­ter, Son­der­sen­dun­gen über „Migran­ten­ge­walt“, ihre kul­tu­rel­len, poli­ti­schen und reli­giö­sen Hin­ter­grün­de sowie die feh­len­de Inte­gra­ti­ons­be­reit­schaft bei sehr vie­len in Deutsch­land leben­den Aus­län­dern und selbst bei mitt­ler­wei­le Ein­ge­bür­ger­ten.

Die Fotos wur­den mir von einem Teil­neh­mer der Demons­tra­ti­on in Chem­nitz am Abend des 27. August 2018 zur Ver­fü­gung gestellt. Vie­len Dank! Mitt­ler­wei­le scheint dort die Lage eska­liert zu sein. Es gab Ver­letz­te.


Ver­öf­fent­licht bei Ste­e­mit. Letz­te Aktua­li­sie­rung: 28. Aug 2018 @ 0:33

Ähn­li­che Bei­trä­ge: