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Das „geheime Deutschland“ ist das Idealbild unserer Nation 
Zum 150. Geburtstag von Stefan George

12. Juli 2018

Heu­te vor 150 Jah­ren, am 12. Juni 1868, wur­de der deut­sche Dich­ter Ste­fan Geor­ge gebo­ren. Schon kurz vor der Wen­de zum 20. Jahr­hun­dert hat­te sich um ihn eine Grup­pe von Intel­lek­tu­el­len ver­sam­melt, die spä­ter als „Geor­ge-Kreis“ bekannt wur­de. Beson­ders in den 1910er und 1920er Jah­ren brach­ten sie eine Rei­he von geis­tes- und kul­tur­ge­schicht­li­chen Ver­öf­fent­li­chun­gen her­aus, die eine gan­ze Genera­ti­on prä­gen soll­ten. Dar­un­ter waren bis heu­te bekann­te Namen wie Lud­wig Kla­ges und vor allem Claus Schenk Graf von Stauf­fen­berg und sei­ne Brü­der Alex­an­der und Bert­hold.

Prä­gend war für den Geor­ge-Kreis und spä­ter die Atten­tä­ter des 20. Juli 1944 die Idee des „Gehei­men Deutsch­lands“, die aller­dings schon auf den Phi­lo­so­phen Paul de Lagar­de zurück­geht.

„Das Deutsch­land, wel­ches wir lie­ben und zu sehen begeh­ren, hat nie exis­tiert, und wird viel­leicht nie exis­tie­ren. Das Ide­al ist eben etwas, das zugleich ist und nicht ist. Es ist die im tiefs­ten Her­zen der Men­schen leuch­ten­de Son­ne, um wel­che unse­re Gedan­ken und Kräf­te; um wel­che auch alle die Mit­tel­punk­te schwin­gen, wel­che unser Leben umkreist, eine Son­ne, deren Schein fahl und bleich wird, wenn sie aus den Tie­fen der See­len an das Tages­licht empor­taucht. Die Blu­men und Bäu­me freu­en sich an Hype­ri­ons Strah­len, die Men­schen gedei­hen nur an der geheim­nis­vol­len Wär­me eines nie gese­he­nen Ster­nes. Die deut­sche Natio­na­li­tät ist wie jede ande­re Natio­na­li­tät eine Kraft, wel­che nicht gewo­gen, geschaut, gelei­tet, beschrie­ben wer­den kann, wel­che da ist, wann sie wirkt, wel­che über­all da ist, wo in Deutsch­land etwas wächst und gedeiht.

Es wird daher wohl bei dem sein Bewen­den behal­ten, was ich frü­her aus­ein­an­der­ge­setzt. Je mehr ein­zel­ne Deut­sche, wel­che das auf den letz­ten Sei­ten die­ser Abhand­lung Gesag­te aner­ken­nen, sich zu bil­den, das heißt, das in dem ihnen durch Geburt und Anla­ge gege­be­nen Mate­ria­le schlum­mern­de Got­tes­bild her­aus­zu­ar­bei­ten bemüht sind, des­to kla­rer wird uns unser Wesen wer­den. Ori­gi­na­li­tät ist über­haupt, weil und wenn ein ethi­sches Gut, nichts Ange­bo­re­nes, son­dern etwas Erwor­be­nes: die For­de­rung besteht über­all, nicht bloß in Deutsch­land, daß die mensch­li­che Gesell­schaft nur aus Ori­gi­na­len sich zusam­men­set­ze, weil Gott den­sel­ben Gedan­ken nicht zwei­mal denkt, also jeder von Gott gewoll­te Mensch anders sein muß als sein Neben­mensch. Deutsch­land wür­de gegrün­det wer­den, indem wir gegen die jetzt gül­ti­gen; aus dem Vor­her­ge­hen­den deut­lich genug zu erken­nen­den Las­ter ersicht­lich undeutsch beein­fluß­ter Zeit uns ver­nei­nend ver­hiel­ten, indem wir zur Abwehr und Bekämp­fung die­ser Las­ter einen offe­nen Bund schlös­sen, wel­cher der äußer­li­chen Kenn­zei­chen und Sym­bo­le so wenig ent­beh­ren dürf­te wie der strengs­ten Zucht, indem wei­ter jedes ein­zel­ne Glied die­ses Bun­des den treu­her­zigs­ten Haß gegen sei­ne eige­nen Feh­ler und eine beschei­de­ne, scheue, aber war­me Lie­be für alles heg­te, was ihm – ich sage nicht gut, son­dern etwas ande­res, wie mich deucht, völ­lig Deut­sches –, was ihm echt zu sein schie­ne, und sich als echt erprob­te.

Eine Auf­ga­be von Jahr­hun­der­ten! Aber nur auf dem Wege zum ewi­gen Leben liegt ein Vater­land, so wahr auch im ewi­gen Leben, wie jeder ande­ren Nati­on Genos­sen als sol­che, so auch der Deut­sche als Deut­scher noch wird zu erken­nen sein, und so wahr ihn nicht bloß als Ich und als Men­schen, son­dern auch als Deut­schen Gott und alle Seli­gen lie­ben.“

Aus: Paul de Lagar­de, Die Reli­gi­on der Zukunft (1878), in: Schrif­ten für Deutsch­land, Stutt­gart 1933.

Auch eines der zahl­rei­chen Gedich­te Ste­fan Geor­ges wid­met sich die­sem Ide­al und trägt den Titel „Gehei­mes Deutsch­land“:

Reiss mich an dei­nen rand
Abgrund – doch wir­re mich nicht!

Wo uner­sätt­li­che gier­de
Von dem pol bis zum glei­cher
Schon jeden zoll breit bestapft hat
Mit uner­bitt­li­cher grel­le
Ohne scham über­blit­zend
Alle poren der welt:

Wo hin­ter maass­lo­ser wän­de
Häss­li­chen zel­len ein irr­sinn
Grad erfand was schon mor­gen
Weits­te wei­te ver­gif­tet
Bis in wüs­ten die reit­schar
Bis in jur­ten den senn:

Wo nicht mehr · rau­her obhut ·
Säugt in stei­ni­ger wald­schlucht
Zwil­lings­brü­der die wöl­fin
Wo nicht · den rie­sen ernäh­rend ·
Wil­de inseln mehr grü­nen
Noch ein jung­frau­en-land:

Da in den äus­sers­ten nöten
San­nen die Untern voll sor­ge ·
Hol­ten die Himm­li­schen gnä­dig
Ihr letzt geheim­nis. . sie wand­ten
Stof­fes geset­ze und schu­fen
Neu­en raum in den raum …

Einst lag ich am süd­meer
Tief-ver­grämt wie der Vor­fahr
Auf geplat­te­tem fels
Als mich der Mit­tag­s­chreck
Vor­bre­chend durchs ölge­büsch
Anstiess mit dem tier­fuss:

›Kehr in die hei­li­ge hei­mat
Findst ursprüng­li­chen boden
Mit dem geschärf­te­ren aug
Schlum­mern­der fül­le schooss
Und so unbe­tret­nes gebiet
Wie den fins­ters­ten urwald‹ . .

Fit­tich des son­nen­traums
Strei­che nun nah am grund!

Da hört ich von Ihm der am klip­pen­ge­stad
Aus klaf­fen­dem him­mel im mor­gen­schein
Ein nu lang die Olym­pi­schen sah
Worob ein sol­ches grau­sen ihn schlug
Dass er zu der freun­de mahl nicht mehr kam
Und sprang in die schäu­men­den flu­ten.

In der Stadt wo an pfos­ten und mauer­eck
Jed nich­tig begeb­nis von aller­wärts
Für eiler und gaf­fer hing ange­klebt:
Ver­sah sich kei­ner des gros­sen geschehns
Wie droh­te im wan­ken von pflas­ter und bau
Unheim­li­chen schlei­chens der Dämon.

Da stand ER in win­ters erleuch­te­tem saal
Die schim­mern­de schul­ter vom leib­rock ver­hüllt
Das feu­er der wan­ge von buschi­gem kranz ·
Da ging vor den bli­cken der blö­den umhegt
Im war­men hell-duf­ten­den früh­lings­wehn
Der Gott die blu­mi­gen bah­nen.

Der hor­cher der wis­ser von über­all
Ball­wer­fer mit ster­nen in tau­mel und tanz
Der fän­ger unfang­bar – hier hat­te geraunt
Beken­nen­den munds unterm mil­chi­gen glas
Der kugel gebannt die apos­tel­ge­stalt:
›Hier fass ich nicht mehr und ver­stum­me‹

Dann aus der fried­fer­ti­gen ord­nung bezirk
Brach aus den fos­for-wol­ken der nacht
Wie rau­chen­de erden im unter­gang
Voll­to­ni­ges brau­sen des schlach­ten­ge­t­obs ·
Es stürm­ten durch dunst und bröck­lig geröll
Die sil­ber­hu­fi­gen ros­se.

Bald traf ich Ihn der matt­gold­nen gelocks
Aus­teil­te in lächeln wohin er trat
Die hei­ters­te ruh – von uns allen erklärt
Zum lieb­ling des glü­ckes bis spät er gestand
Im halt des gefähr­ten hab er sich ver­zehrt –
Sein gan­zes dasein ein opfer.

Den liebt ich der mein eigens­tes blut ·
Den bes­ten gesang NACH dem bes­ten sang . .
Weil einst ein kost­ba­res gut ihm ent­ging
Zer­brach er läs­sig sein lau­ten­spiel
Geduckt die stirn für den lor­beer bestimmt
Still wan­delnd zwi­schen den men­schen.

Durch märk­te und gas­sen des fest­lands hin
Wo oft ich auf wacht stand · bat ich um bescheid
Das hun­dert­äu­gig all­kun­de Gerücht:
›Ist ähn­li­ches je dir begeg­net?‹ Wor­auf
Vom ungern Erstaun­ten die ant­wort kam
›Alles – doch sol­ches noch nie­mals‹

Heb mich auf dei­ne höh
Gip­fel – doch stür­ze mich nicht!
Wer denn · wer von euch brü­dern
Zwei­felt · schrickt nicht beim mahn­wort
Dass was meist ihr empor­hebt
Dass was meist heut euch wert dünkt
Fau­les laub ist im herbst­wind
Endes- und todes­be­reich:

Nur was im schüt­zen­den schlaf
Wo noch kein tas­ter es spürt
Lang in tie­fin­ners­tem schacht
Weih­li­cher erde noch ruht –
Wun­der undeut­bar für heut
Geschick wird des kom­men­den tages.

Aus: Ste­fan Geor­ge, Das Neue Reich. Gesamt-Aus­ga­be der Wer­ke, Band 9, Ber­lin 1928.

Letzt­lich meint die­ses Gehei­me Deutsch­land die immer­wäh­ren­de Idee einer Nati­on. Wer ihr bedin­gungs­los zu fol­gen bereit ist, gehört zu die­ser Nati­on – ist also in die­sem Sin­ne Deut­scher -, wer sie ablehnt, gehört nicht dazu. Oder wie es Lagar­de an ande­rer Stel­le aus­drück­te:

„Deutsch­land ist die Gesamt­heit aller deutsch emp­fin­den­den, deutsch den­ken­den, deutsch wol­len­den Deut­schen: jeder Ein­zel­ne von uns ein Lan­des­ver­räther, wenn er nicht in die­ser Ein­sicht sich für die Exis­tenz, das Glück, die Zukunft des Vater­lan­des in jedem Augen­bli­cke sei­nes Lebens per­sön­lich ver­ant­wort­lich erach­tet, jeder Ein­zel­ne ein Held und Befrei­er, wenn er es tut.“

Aus: Paul de Lagar­de, Über die gegen­wär­ti­ge Lage des deut­schen Reichs, Göt­tin­gen 1876.

Somit muß sich also der Ein­zel­ne ent­schei­den, ob er sich selbst in Nichts aus­bür­gert, die Ban­de sei­ner Ver­gan­gen­heit und Zukunft durch­schlägt, sei­ne Iden­ti­tät aus­löscht, sich qua­si selbst ato­mi­siert, oder nicht. Stauf­fen­bergs letz­te Wor­te mögen uns dar­an erin­nern:  „Es lebe das hei­li­ge Deutsch­land!“


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Letz­te Aktua­li­sie­rung: 13. Jul 2018 @ 5:09

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