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„…mehr Freiraum, als die Demokratie vertragen kann“ 
Der Kampf und die Deutungsheit geht in die heiße Phase

6. Mai 2018

Zu den zivi­li­sa­to­ri­schen Errun­gen­schaf­ten der letz­ten 200 Jah­re gehört zwei­fel­los die Ver­an­ke­rung von Grund­rech­ten in der Ver­fas­sung. Die­se sind sogar jus­ti­zia­bel, der Staat ist an sie gebun­den und kann ggf. vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ver­klagt wer­den.  Noch vor ein paar Jah­ren hät­te ich mei­nen Text an die­ser Stel­le getrost been­den kön­nen. Aber das ist mitt­ler­wei­le lei­der nicht mehr mög­lich, denn die ers­ten bei­den Sät­ze, die ich gera­de geschrie­ben habe, muß ich wohl bald in die Ver­gan­gen­heits­form über­füh­ren. Die hei­ße Pha­se des Gras­wur­zel­dis­kur­ses ist eröff­net. Es geht um die Gegen­öf­fent­lich­keit. Es geht um unse­re Frei­heit.

Anlaß dazu bie­tet das Her­vor­bre­chen einer Geis­tes­hal­tung in der poli­ti­schen Kas­te unse­res Lan­des sein, die Moni­ka Grüt­ters jüngst offen­her­zig im Tages­spie­gel bekann­te. Frau Grüt­ters ist nun nicht irgend­wer, kei­ne Hin­ter­bänk­le­rin, kein Stimm­vieh. Sie ist immer­hin seit 2013 „Staats­mi­nis­te­rin bei der Bun­des­kanz­le­rin und Beauf­trag­te der Bun­des­re­gie­rung für Kul­tur und Medi­en“. Außer­dem Mit­glied in zahl­rei­chen poli­tik­träch­ti­gen Gre­mi­en, wie dem Zen­tral­ko­mi­tee der deut­schen Katho­li­ken, dem Kura­to­ri­um der Inter­na­tio­na­len Jour­na­lis­ten-Pro­gram­me e.V. (IJP), mit Lei­tungs­funk­ti­on in diver­sen Kul­tur- und Opfer­stif­tun­gen und -ver­bän­den sowie Hono­rar­pro­fes­so­rin an der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin. Eine Dame mit gewis­sem Ein­fluß also.


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Ihre stei­le The­se lau­tet:

[Der­zeit] „ermög­licht das Inter­net der­zeit mehr Frei­raum, als die Demo­kra­tie ver­tra­gen kann […] Damit stellt die Digi­ta­li­sie­rung die Demo­kra­tie und den Rechts­staat auf eine Bewäh­rungs­pro­be: Wenn zivi­li­sa­to­ri­sche Errun­gen­schaf­ten wie die Frei­heit der Kunst, die kul­tu­rel­le und media­le Viel­falt, die Siche­rung geis­ti­gen Eigen­tums, der Schutz per­sön­li­cher Daten, das Recht auf freie Mei­nungs­bil­dung und die Grund­prin­zi­pi­en einer demo­kra­ti­schen Kul­tur der Ver­stän­di­gung wei­ter­hin Bestand haben sol­len, brau­chen die ent­spre­chen­den Regeln ein poli­ti­sches Update: eine Anpas­sung an ver­än­der­te Rah­men­be­din­gun­gen.“

Oder kurz gesagt: Die Grund­rech­te müs­sen wei­ter ein­ge­schränkt wer­den, um sie vor sich selbst zu schüt­zen. Denn sie gefähr­den die Demo­kra­tie!

Dazu muß eine euro­päi­sche Regie­rung nicht mal son­der­lich krea­tiv wer­den, son­dern kann ein­fach den Emp­feh­lun­gen ande­rer Staa­ten fol­gen. Im kon­kre­ten Fall des Netz­werk­durch­su­chungs­ge­set­zes ist man bereits einer Emp­feh­lung von Iran und Chi­na gefolgt, wie „Repor­ter ohne Gren­zen“ (ROG) uns via Twit­ter mit­teil­ten:


Quel­le: Twit­ter


In der dort ver­link­ten Pres­se­mit­tei­lung wird ROG-Geschäfts­füh­rer Chris­ti­an Mihr mit den Wor­ten zitiert:

„Gera­de beim Schutz vor digi­ta­ler Über­wa­chung oder Lösch­pflich­ten für sozia­le Netz­wer­ke hat Deutsch­land ein schlech­tes Vor­bild für ande­re Staa­ten abge­ge­ben – und ist nach eige­nen Wor­ten Emp­feh­lun­gen von Iran und Chi­na gefolgt.“

In der Rang­lis­te der Pres­se­frei­heit steht Deutsch­land aktu­ell auf Platz 15, Iran auf 164 und Chi­na auf 176 von 180 ver­ge­be­nen Plät­zen. Letz­te­re hat­ten – so ROG -

„2013 gesetz­li­che Maß­nah­men gegen die Ver­brei­tung ras­sis­ti­scher, islam- oder aus­län­der­feind­li­cher Inhal­te im Inter­net oder in den Medi­en an[geregt]. Sol­che For­de­run­gen sind üblich für Län­der mit star­ker Ein­schrän­kung der Mei­nungs- und Pres­se­frei­heit, die sol­che Initia­ti­ven häu­fig für ein Vor­ge­hen gegen unlieb­sa­me Bericht­erstat­tung miss­brau­chen.“

Gefahr des Miß­brauchs gegen Regie­rungs­kri­ti­ker wie in auto­ri­tä­ren Regi­men! Die Wat­sche saß! Oder etwa doch nicht?

Am kom­men­den Diens­tag muß sich Deutsch­land tur­nus­mä­ßig in Genf der Befra­gung der übri­gen 192 UN-Mit­glie­der zur men­schen­recht­li­chen Lage in Deutsch­land stel­len. ROG for­dert dazu auf, die eige­nen Defi­zi­te in die­sem Bereich zu benen­nen und zivil­ge­sell­schaft­li­che Kri­tik auf­zu­grei­fen. Bereits im Sep­tem­ber hat­te ROG zu die­sem Zweck einen „Schat­ten­be­richt zur Lage von Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten“ mit Kri­tik und ent­spre­chen­den Emp­feh­lun­gen ein­ge­reicht. Dar­in wird u.a. das „Over­blocking“ durch das Netz­werk­druch­su­chungs­ge­setz ange­pran­gert. Hei­ko Maas kann sich übri­gens etwas dar­auf ein­bil­den, daß Ruß­land mitt­ler­wei­le begeis­tert sein eige­nes Netz­DG geschaf­fen hat – nach deut­schem Vor­bild.

Was es mit der Miß­brauchs­ge­fahr des Netz­DG auf sich hat, sieht man dar­an, daß (regierungs-)kritische Stim­men vor allem bei Face­book und Twit­ter wegen Nichts gesperrt wer­den. Erwischt hat es u.a. schon den Islam­kri­ti­ker Hamed Abdel-Samad, den His­to­ri­ker Micha­el Hese­mann, den Phi­lo­so­phen Jür­gen Fritz, die Publi­zis­tin Bir­git Kel­le, den Autor Hei­ko Schrang, die Schau­spie­le­rin Sil­va­na Hei­ßen­berg, die AfD-Poli­ti­ke­rin­nen Bea­trix von Storch und Ali­ce Wei­del und unzäh­li­ge mehr oder weni­ger pro­mi­nen­te Zeit­ge­nos­sen. Nicht ein­mal die eigent­lich poli­ti­sche unver­däch­ti­ge Base­ler Zei­tung kann mehr gefahr­los ver­linkt wer­den.

An die­ser Stel­le darf auch die sog. „Böh­mer­mann­lis­te“ nicht feh­len, der neu­es­te Coup in Sachen Mei­nungs­frei­heit bei Twit­ter: Jan Böh­mer­mann hat­te in sei­ner ZDF-Show „Neo Maga­zin Roy­al“ dazu auf­ge­ru­fen, poli­tisch unkor­rek­te Twit­ter-Accounts zu mel­den und mit „Liebes“-Spam ein­zu­de­cken. Fra­gen wirft auch Böh­mer­manns Ankün­di­gung auf, eine Lis­te mit IP-Adres­sen die­ser Nut­zer an die Staats­an­walt­schaft zu über­ge­ben, wäh­rend dem recht­streu­en Blog­ger auf­grund des Inkraft­tre­tens der EU-Daten­schutz­grund­ver­ord­nung am 25. Mai schon seit Mona­ten graue Haa­re sprie­ßen. Das ZDF als GEZ-finan­zier­ter, heim­li­cher Samm­ler per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten?

Doch zurück zu Frau Grüt­ters und den ihren: Die „Gefahr für die Demo­kra­tie“ ist hier ein­mal mehr die Mas­ke für ein viel tie­fer gehen­des Anlie­gen. Es geht um die Mei­nungs­ho­heit, die Deu­tungs­ho­heit, die Defi­ni­ti­ons­macht. Die sozia­len Medi­en sind des­halb so erfolg­reich, weil sie jedem – aber auch jedem, der Lesen und Schrei­ben kann – die Mög­lich­keit geben, sei­ne ganz per­sön­lich Welt­sicht einem gro­ßem Publi­kum zugäng­lich zu machen. Er kann also genau­so am Dis­kurs teil­neh­men, wie frü­her nur die, die Zugang zu Pres­se, Funk und Fern­se­hen hat­ten. Die sozia­len Medi­en haben also eine Art Gras­wur­zel­dis­kurs mög­lich gemacht. Wenn sich aber die Mei­nung von immer mehr Gras­wur­zel­dis­kurs­teil­neh­mern immer wei­ter vom offi­zi­el­len Regie­rungs­stand­punkt ent­fernt, wenn immer mehr Zweif­ler ihre Stim­me erhe­ben, müs­sen natür­lich bei der poli­ti­schen Kas­te zwangs­läu­fig die Alarm­glo­cken ange­hen. Frau Grüt­ters ertönt im vol­len Geläut.

Letz­te Aktua­li­sie­rung: 21. Jun 2018 @ 16:53

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