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Das Märchen vom Fachkräftemangel: Zuwanderung bremst den Fortschritt aus (Teil 2) 
Deutsche Wirtschaft zwischen Utopie und Neokolonialismus

22. August 2018

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Hin­sicht­lich der demo­gra­fi­schen Effek­te, die sich eben­falls unmit­tel­bar in das künf­tig zur Ver­fü­gung ste­hen­de Arbeits­kräf­te­po­ten­ti­al nie­der­schla­gen, könn­te sich der Mas­sen­zu­strom von Asyl­be­wer­bern seit 2015 lang­fris­tig sogar als Nach­teil erwei­sen. Bevöl­ke­rungs­for­scher Eck­art Boms­dorf warn­te schon 2015 („Zeit Online“) vor zu gro­ßen Erwar­tun­gen. Die demo­gra­fi­schen Pro­ble­me könn­ten sogar noch ver­stärkt wer­den, wenn die Ein­wan­de­rer etwa ab 2060 geballt in Ren­te gin­gen. Bis dahin müs­se eine aus­rei­chend hohe Gebur­ten­ra­te erreicht sein. Sonst blie­be es nur bei einem vor­über­ge­hen­den Effekt für die nächs­ten 20–30 Jah­re, sofern man von einem Abeb­ben des Zustroms aus­ge­he.

Wenn aber nun der über­wie­gen­de Teil bes­ten­falls eine Beschäf­ti­gung im Nied­rig­lohn­sek­tor fin­den wird und damit dau­er­haft auf zusätz­li­che Sozi­al­leis­tun­gen ange­wie­sen bleibt, wird wohl selbst die­se Rech­nung nicht auf­ge­hen. Des­halb for­dert mittl­wei­le –  so „FAZ“ – auch der Chef der Bun­des­agen­tur für Arbeit (BA), Det­lef Schee­le, ein Fach­kräf­te­zu­wan­de­rungs­ge­setz. Er will also qua­li­fi­zier­te Per­so­nen im Aus­land gezielt anwer­ben.


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Doch gera­de hoch­qua­li­fi­zier­te Bewer­ber mit lang­jäh­ri­ger Berufs­er­fah­rung – so schreibt selbst die „Wirt­schafts­wo­che“ – müs­sen trotz angeb­li­chem „Fach­kräf­te­man­gel“ immer wie­der die Erfah­rung machen, daß sie auf dem deut­schen Arbeits­markt nie­mand haben will. Sie sind schlicht über­qua­li­fi­ziert, weil mitt­ler­wei­le kaum mehr Unter­neh­men bereit sind, ihnen ange­mes­se­ne Gehäl­ter zu zah­len. Umge­kehrt wird ein Unter­neh­men sei­ne Stel­len nicht beset­zen kön­nen, wenn poten­ti­el­len Bewer­bern anders­wo – und zwar immer häu­fi­ger im Aus­land – deut­lich bes­se­re Ein­kom­mens-, Arbeits- und Lebens­ver­hält­nis­se gebo­ten wer­den. Es ist zu erwar­ten, daß gera­de für Fami­li­en auch Aspek­te der inne­ren Sicher­heit sowie der Qua­li­tät des Bil­dungs­sys­tems in Zukunft einen nicht uner­heb­li­chen Ein­fluß aus die Wahl ihres Lebens­mit­tel­punk­tes haben wer­den.

Bei der künf­ti­gen Ent­wick­lung des Arbeits­mark­tes wird außer­dem die fort­schrei­ten­de Digi­ta­li­sie­rung von zen­tra­ler Bedeu­tung sein. Wie bei „Zeit Online“ zu lesen ist, wer­den allein in den nächs­ten 10 bis 20 Jah­ren zwölf Pro­zent der Arbeits­kräf­te weg­fal­len. Hor­ror­sze­na­ti­en gehen sogar von einem viel­fa­chen die­ser Zah­len aus. Aller­dings gebe es kaum Beru­fe, in denen Men­schen voll­kom­men ersetzt wer­den könn­ten. Hoch­ge­rech­net wür­den bei einer jähr­li­chen Effi­zi­enz­stei­ge­rung von etwa 0,75 Pro­zent im Jah­re 2060 34 Mil­lio­nen Erwerbs­per­so­nen benö­tigt. Selbst sei unter die­sen Prä­mis­sen sei aber immer noch eine Zuwan­de­rung von 100.000 Per­so­nen im Jahr not­wen­dig.

Im sel­ben Bei­trag wird aber auch dar­auf ver­wie­sen, daß der Man­gel an Fach­kräf­ten nach den Geset­zen des Mar­kes im ers­ten Schritt zu höhe­ren Löh­nen und im zwei­ten Schritt zu einem ver­stärk­ten Ein­satz von Robo­tern füh­re. D.h. also, daß ein Man­gel an Arbeits­kräf­ten den tech­ni­schen Fort­schritt unterm Strich sogar stär­ker vor­an­treibt, als ein Über­schuß. Denn wenn bil­li­ge Arbei­ter vor­han­den sind, muß die dann oft teu­re­re Tech­nik weder ent­wi­ckelt noch ein­ge­setzt wer­den. Somit wer­de durch die Zuwan­de­rung der Pro­duk­ti­vi­täts­fort­schritt sogar ver­lang­samt! Es gilt immer noch, daß gera­de ein hoher Grad an Tech­ni­sie­rung gleich­be­deu­tend mit einer hohen Arbeits­pro­duk­ti­vi­tät ist. Es sei „klü­ger“, neue Fach­kräf­te nicht durch Zuwan­de­rung, son­dern durch För­de­rung der bereits vor­han­de­nen Arbeits­po­ten­tia­le vor allem der 30 bis 70jährigen mit Hil­fe bes­se­rer Aus­bil­dung und kon­ti­nu­ier­li­cher Wei­ter­bil­dung zu gewin­nen.

Zuletzt gilt es noch einen wei­te­ren, sehr ent­schei­den­den Aspekt zu erör­tern. Sind die anzu­er­ben­den Fach­kräf­te in ihren Her­kunfts­län­dern etwa über­flüs­sig? Wel­che Fol­gen hat ein Abwer­ben der gut Aus­ge­bil­de­ten für die Ent­wick­lung die­ser Län­dern?

Es gab Zei­ten, da bra­chen die Indus­trie­na­tio­nen in armen und wenig ent­wi­ckel­te Gebie­te der Welt ein, um sich vor allen den Zugang zu bil­li­gen Roh­stof­fen zu sichern. Dadurch wur­den natür­li­che Wirt­schafts­be­zie­hun­gen zer­stört, die auto­no­me Ent­wick­lung die­ser Gebie­te nach­hal­tig aus­ge­bremst. Das dun­kels­te Kapi­tel des Kolo­nia­lis­mus ist sicher­lich die Ver­schlep­pung tau­sen­der afri­ka­ni­scher Skla­ven nach Über­see. (Die neben­bei bemerkt tat­kräf­tig durch ihre Lands­leu­te ver­sklavt und ver­kauft wur­den.) Über die Fol­gen, die die­ses Ereig­nis für die wei­te­re Ent­wick­lung Afri­kas hat­te, erlau­be ich mir an die­ser Stel­le kein Urteil.

Was jetzt pro­pa­giert wird, ist so etwas wie ein Kolo­nia­lis­mus der neu­en Art. Jetzt wer­den gut aus­ge­bil­de­te Men­schen mit der Ver­hei­ßung auf ein bes­se­res, leich­te­res Leben in Wohl­stand – wenn nicht gar Luxus – aus ärme­ren, weni­ger ent­wi­ckel­ten Län­dern weg­ge­lockt. In einem Inter­view mit der „NZZ“ hält des­halb der bri­ti­sche Öko­nom Paul Col­lier die euro­päi­sche Migra­ti­ons­po­li­tik für ver­ant­wor­tungs­los. Euro­pa habe kein Recht, die klügs­ten Köp­fe aus Län­dern wie etwa Gha­na nach Euro­pa zu locken, weil die­se vor Ort gebraucht wür­den und nie­mand das Recht auf ein bes­se­res Leben im Aus­land habe. Es sei fatal, wenn die jun­ge Genera­ti­on inzwi­schen ihre Hoff­nung nicht mehr auf die Ent­wick­lung des eige­nen Lan­des, son­dern allein auf die Aus­wan­de­rung lege. Es sei unver­ant­wort­lich, daß mitt­ler­wei­le vier­zig Pro­zent aller syri­schen Uni­ver­si­täts­ab­sol­ven­ten in Deutsch­land sei­en. Gegen­wär­tig arbei­te­ten in Lon­don mehr suda­ne­si­sche Ärz­te  als im Sudan selbst.

Col­lier macht deut­lich, daß die Hyper­mo­ral der „Will­kom­mens­kul­tur“ in Wahr­heit zutiefst unmo­ra­lisch und unethisch ist. Afri­ka brau­che kein Recht auf Kon­sum, son­dern eines auf Ent­wick­lung aus eige­ner Kraft. Nicht euro­päi­sche Almo­sen, son­dern die Inves­ti­tio­nen euro­päi­scher Unter­neh­men.

„Man­che hegen den Irr­glau­ben, eine gross­ar­ti­ge, mora­lisch edle Tat zu voll­brin­gen, wenn sie begab­te jun­ge Men­schen mit den Wor­ten ‚Will­kom­men in Euro­pa’ von ihren wah­ren Ver­pflich­tun­gen und Mög­lich­kei­ten in Afri­ka weg­lo­cken, damit sie dann frus­triert auf den Stras­sen Roms leben, was viel eher der Rea­li­tät ent­spricht. Afri­ka muss Mil­lio­nen von Arbeits­plät­zen schaf­fen. Statt­des­sen ver­füh­ren wir Afri­ka­ner und Afri­ka­ne­rin­nen zu Tau­sen­den dazu, in Boo­te zu stei­gen. Das ist über­aus ver­ant­wor­tungs­los und unethisch, denn wenn die Men­schen aus Afri­ka erst nach Euro­pa gekom­men sind, erken­nen sie die Wahr­heit, ste­cken aber in der Fal­le, weil die Rück­kehr eine Bloss­stel­lung vor ihren Freun­den wäre.“

Da die Ärms­ten der Armen – die auch wei­ter­hin tag­täg­lich an Hun­ger und Krank­heit lei­den und auch ster­ben – aber in ihren Län­dern ver­har­ren müs­sen, weil sie für die teu­re Rei­se nach Euro­pa zu arm und oft auch zu schwach sind, ver­schiebt sich bei gleich­zei­ti­gem Exo­dus der Leis­tungs­fä­hi­gen das sozia­le Gefü­ge der Her­kunfts­län­der gewiss nicht zu deren Vor­teil. Wenn es also nach dem Selbst­ver­ständ­nis der herr­schen­den poli­ti­schen Eli­ten unse­res Lan­des dabei blei­ben soll­te, poten­ti­el­le Asyl­mi­gran­ten in ers­ter Linie als Ver­grö­ße­rung der Kon­su­men­ten­zahl zu betrach­ten, an denen sich eine gan­ze „Asyl­in­dus­trie“ eine gol­de­ne Nase ver­dient, so ent­larvt sich all das Gere­de von Welt­of­fen­heit und Soli­da­ri­tät als, was es ist: Schein­hei­li­ges Gefa­sel und fal­sche Ver­spre­chun­gen zu Las­ten der Ärms­ten die­ser Welt.


Ver­öf­fent­licht bei Ste­e­mit. Letz­te Aktua­li­sie­rung: 22. Aug 2018 @ 0:55

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