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Neue Studie: Warum die AfD gewählt wird 
Leipziger Wissenschaftler geben der Partei langfristig gute Chancen

21. August 2018

In einer in der „Zeit­schrift für Sozio­lo­gie“ ver­öf­fent­lich­ten Stu­die haben Wis­sen­schaft­ler der Uni­ver­si­tät Leip­zig unter­sucht, war­um die AfD gewählt wird. Dabei leg­ten sie zwei – ver­brei­te­te – The­sen zugrun­de. Nach der Moder­ni­sie­rungs­ver­lie­rer­the­se wen­den sich vor allem Per­so­nen mit einem nied­ri­gem sozia­len Sta­tus gegen die „Flucht­zu­wan­de­rung [sic!] als Kon­kur­renz­an­stieg um Arbeits­plät­ze und Sozi­al­leis­tun­gen“. Nach der The­se der kul­tu­rel­len Bedro­hung betrach­ten Kom­mu­ni­ta­ris­ten (als Gegen­spie­ler der Kos­mo­po­li­ten)  die „Flücht­lings­zu­wan­de­rung [sic!] als Gefahr für die kul­tu­rel­le Homo­ge­ni­tät der Gesell­schaft“ und leh­nen sie daher ab.

Dabei kom­men sie zu dem Ergeb­nis, daß jemand um so eher zur AfD neigt, je mehr er die Zuwan­de­rung ablehnt. Die ableh­nen­de Hal­tung in der Ein­wan­de­rungs­fra­ge ist sogar das grund­le­gen­de Abgren­zungs­merk­mal („kul­tu­rel­le Spal­tung“) der AfD-Anhän­ger­schaft von der ande­rer Par­tei­en. Die „kul­tu­rel­le Bedro­hung“ ist das ent­schei­den­de Motiv dafür, die AfD zu wäh­len. Inter­es­sant ist, daß Ost­deut­sche dop­pelt so häu­fig als Kon­se­quenz aus ihrer Ableh­nung der Ein­wan­de­rung die AfD wäh­len als West­deut­sche.


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Außer­dem wür­den Per­so­nen mit nied­ri­gem sozia­len Sta­tus und sol­che, die befürch­ten, ihren sozia­len Sta­tus zu ver­lie­ren, häu­fi­ger mit der AfD sym­pa­thi­sie­ren. Die For­scher fan­den her­aus, daß der Anteil der Arbeits­lo­sen unter den AfD-Anhän­gern fast drei­mal so hoch ist und ihr Ein­kom­men zudem nied­ri­ger als das der Ver­gleichs­grup­pe. Gleich­zei­tig rech­nen sie mehr als die Hälf­te der AfD-Anhän­ger der Mit­tel­schicht zu. Auf­fäl­lig war – uns das ent­spricht mei­nen per­sön­li­chen Erfah­run­gen -, daß der Anteil von Per­so­nen mit einem mitt­le­ren oder sogar einen höhe­ren Bil­dungs­ab­schluß über dem der Ver­gleichs­grup­pe liegt. Die­se Fak­to­ren spie­len aber eher eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le.

Natür­lich befürch­te auch ich einen Ver­lust, näm­lich an Frei­heit, Selbst­be­stim­mung, Gleich­be­rech­ti­gung der Geschlech­ter, Men­schen­rech­ten, Demo­kra­tie, Rechts­staat­lich­keit, Fried­fer­tig­keit und Sicher­heit. Genau damit steht die über­wie­gen­de Zahl der Ein­wan­de­rer näm­lich offen­sicht­lich auf Kriegs­fuß, ganz beson­ders jene aus archai­schen, mus­li­mi­schen Kul­tu­ren.

Unterm Strich sieht die Stu­die die eta­blier­ten Par­tei­en in einer Zwick­müh­le, aus der sie so leicht nicht ent­rin­nen kön­nen. Allein durch Ver­tei­lungs­ge­rech­tig­keit kön­nen sie der AfD nicht den Wind aus den Segeln neh­men, da sich die Kon­flik­te im Wer­te­emp­fin­den so nicht auf­lö­sen las­sen. Des­halb habe die AfD das Poten­ti­al, sich lang­fris­tig in der Par­tei­en­land­schaft zu ver­an­kern:

„Wenn es rich­tig ist, dass sich hin­ter der Unter­stüt­zung der AfD durch die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger und den jüngs­ten AfD-Wahl­er­fol­gen ein kul­tu­rel­ler Kon­flikt über Zuwan­de­rung von Flücht­lin­gen nach Deutsch­land ver­birgt, dann deu­tet sich an, dass die AfD mög­li­cher­wei­se gute Chan­cen hat, sich im deut­schen Par­tei­en­sys­tem lang­fris­tig zu eta­blie­ren. Denn Fra­gen des Aus­ma­ßes von Zuwan­de­rung, Vor­stel­lun­gen zu Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus oder zur deut­schen „Leit­kul­tur“, aber auch die Aner­ken­nung von ent­stan­dar­di­sier­ten Lebens­for­men und die Reich­wei­te der Geschlech­ter­gleich­heit berüh­ren den wert­be­zo­ge­nen Kern einer Vor­stel­lung, wie Men­schen zusam­men­le­ben wol­len. Anders als rei­ne Ver­tei­lungs­kon­flik­te las­sen sich die­se kul­tu­rel­len Kon­flik­te, in denen letzt­be­grün­de­te Über­zeu­gun­gen auf­ein­an­der­pral­len, nicht ein­fach durch poli­ti­sche Kom­pro­mis­se still­stel­len oder sogar lösen. Aber auch aus Sicht der Moder­ni­sie­rungs­ver­lie­rer­the­se wür­de Ver­tei­lungs­po­li­tik nur begrenzt wirk­sam wer­den. Denn nach die­ser ist es eine essen­ti­el­le Kom­po­nen­te der Iden­ti­fi­ka­ti­on der Bür­ger mit der AfD, Kon­kur­renz um Arbeits­plät­ze und Sozi­al­leis­tun­gen durch Flücht­lin­ge abzu­weh­ren. Die­sen Kon­flikt kann rei­ne Ver­tei­lungs­po­li­tik nicht befrie­di­gend lösen.“

Letzt­lich kön­nen – so die Leip­zi­ger Sozio­lo­gen – die eta­blier­ten Par­tei­en die Anhän­ger der AfD nur zurück­ge­win­nen, wenn sie ihre Hal­tung in der Zuwan­de­rungs­fra­ge wenigs­tens teil­wei­se auf­ge­ben und sich auf die Posi­tio­nen der AfD zube­we­gen. Da bestün­de aber die Gefahr, daß sie zugleich Tei­le ihrer bis­he­ri­gen Anhän­ger­schaft ver­prel­len. Die AfD müs­sen daher, um lang­fris­tig erfolg­reich zu sein, nur die eige­ne, kom­mu­ni­ta­ris­tisch ori­en­tier­te Kli­en­tel mobi­li­sie­ren.

Quel­le: Leng­feld, Holger/​Dilger, Cla­ra: Kul­tu­rel­le und öko­no­mi­sche Bedro­hung. Eine Ana­ly­se der Ursa­chen der Par­teiiden­ti­fi­ka­ti­on mit der „Alter­na­ti­ve für Deutsch­land“ mit dem Sozio-oeko­no­mi­schen Panel 2016, in: Zeit­schrift für Sozio­lo­gie 2018; 47(3): 181–199 (pdf)


Ver­öf­fent­licht bei Ste­e­mit. Letz­te Aktua­li­sie­rung: 21. Aug 2018 @ 3:19

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