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Neue Höhenflüge für die AfD oder eben nur wieder eine manipulative Wahlumfrage? 
Warum uns die Sonntagsfrage nicht wirklich weiter bringt

4. August 2018

Stell dir vor, es ist Bun­des­tags­wahl und du gehst  – viel­leicht – hin. So in etwa muß man sich die Sonn­tags­fra­ge vor­stel­len, die in regel­mä­ßi­gen Abstän­den das mög­li­che Wahl­ver­hal­ten bei einer Bun­des­tags­wahl zu ermit­teln ver­sucht. Über den Sinn oder Unsinn die­ser Umfra­gen ist viel geschrie­ben wor­den. Es liegt in der Natur der Sache, daß die Ergeb­nis­se auf­grund metho­di­scher wie fak­ti­scher Pro­ble­me immer unge­nau blei­ben wer­den und feh­ler­an­fäl­lig sind. Immer­hin wer­den nur 1.000 oder 2.000 Wäh­ler tat­säch­lich gefragt und sol­len mit ihrer Anga­ben über das wahr­schein­li­che Wahl­ver­hal­ten von 60 Mil­lio­nen Aus­kunft geben. Nur etwa 20 bis 30 Pro­zent der Befrag­ten sind über­haupt bereit, an der jewei­li­gen Umfra­ge teil­zu­neh­men.

Bei­spiels­wei­se kommt es auch dar­auf an, ob die Daten per Tele­fon­an­ruf auf dem Han­dy, dem Fest­netz oder online abge­fragt wer­den. Die­se Kom­mu­ni­ka­ti­ons­we­gen wer­den nicht über das Wahl­volk gleich­mä­ßig ver­teilt benutzt. So sind Älte­re z.B. immer noch weni­ger online und mit dem Han­dy zu errei­chen. Gebil­de­te­re Per­so­nen neh­men las­sen sich eher auf die Teil­nah­me an Wahl­um­fra­gen ein als weni­ger gebil­de­te. Das gilt auch für Wäh­ler, die sich sicher sind, über­haupt an den Wah­len teil­neh­men, gegen­über Unent­schlos­se­nen oder Nicht­wäh­lern. Der­ar­ti­ge Ver­zer­run­gen sind den Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tu­ten bekannt. Sie ver­su­chen sie durch ent­spre­chen­de Gewich­tung der erho­be­nen Daten aus­zu­glei­chen. Wie das genau erfolgt, ist jedoch ein gut gehü­te­tes Betriebs­ge­heim­nis. Um eine Wahl­um­fra­ge wirk­lich ana­ly­sie­ren zu kön­nen, müß­te man des­halb im Grun­de auch die Roh­da­ten betrach­ten. Aber ob der Befrag­te dann wirk­lich die Wahr­heit sagt oder was ande­res, z.B. weil sich jemand im Raum befin­det, der das nicht hören soll, steht noch auf einer ganz ande­ren Kar­te.


- Anzei­ge -

Doch selbst die Daten­ge­wich­tung kann offen­bar nicht alle Ver­zer­run­gen aus­glei­chen: Pro­ble­me haben die Mei­nungs­for­scher immer noch mit Par­tei­en, die vie­le Pro­test­wäh­ler anzie­hen. Da sie dann auch schon mal eini­ge Pro­zent­punk­te dane­ben lie­gen: Bei­spiels­wei­se erhielt die AfD im Gegen­satz zu den je nach Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tut vor­aus­ge­sag­ten 17 bis 19 Pro­zent 2016 bei der Land­tags­wahl in Sach­sen-Anhalt letzt­lich 24,2!

Viel schwe­rer als die Feh­ler in den Umfra­ger­ge­nis­sen selbst wiegt jedoch die Gefahr, daß die Ergeb­nis­se der Wahl­um­fra­gen als auch einen gewis­sen Ein­fluß auf tat­säch­li­che Wahl­er­geb­nis­se haben kön­nen. Sie begüns­ti­gen näm­lich tak­ti­sches Wäh­ler­ver­hal­ten. Wünscht sich z.B. ein Anhän­ger der SPD z.B. eine schwarz-grü­ne Koali­ti­on könn­te er sich ent­schei­den die Grü­nen zu wäh­len, wenn die­se nach den Umfra­gen an der 5%-Hürde für den Ein­zug in den Bun­des­tag schram­men. Prak­tisch wird die­ser Fall aller­dings kaum jemals ein­tre­ten, was aber vor allem an der SPD lie­gen wird. Wahl­um­fra­gen kön­nen aber auch völ­lig in die Hose gehen, wie uns die Umfra­gen vor der letz­ten US-Prä­si­den­ten­wahl oder der Brex­it-Abstim­mung zei­gen. Außer­dem zeigt der sog. Schulz-Effekt, daß eine schein­bar erfolg­rei­che Par­tei noch wei­te­re, zusätz­li­che Wäh­ler anzieht, die Teil die­ses Erfol­ges sein wol­len.

Nach all­dem erscheint das Ergeb­nis der AfD bei der letz­ten Sonn­tags­fra­ge gar nicht mehr so zum Jubeln. Ers­tens ist längst nicht sicher, ob die Wahl dann auch so aus­ge­hen wür­de und zwei­tens wird es zu gewis­sen Gegen­re­ak­tio­nen füh­ren: Die Pro­pa­gan­da wird noch schär­fer, Dif­fa­mie­run­gen und Gewalt sei­tens der Geg­ner wer­den for­ciert und die poli­ti­schen Geg­ner mobi­li­siert. Sobald die eige­ne Par­tei zu gut dasteht, besteht auch die Gefahr, daß in den Bemü­hun­gen um den Wäh­ler nach­ge­las­sen. Auch könn­ten die Wäh­ler ab einer gewis­sen Pro­zent­zahl mei­nen, sie müß­ten jetzt nicht mehr zur Wahl gehen, da ja sowie­so alles klar sei.

Sonntagsfrage Bundestagswahl

Natür­lich sind die 18 Pro­zent Stimm­an­teil trotz­dem ein Erfolg. Zei­gen sie doch, daß die AfD auf dem rich­ti­gen und ihre Geg­ner auf dem fal­schen Weg sind. Noch­mals an die­ser Stel­le mei­ne Zukunfts­pro­gno­se für unser Par­tei­en­sys­tem: Es wird auf einen Kampf zwi­schen AfD und Grü­nen hin­aus­lau­fen. Alle ande­ren wer­den in die­ser ideo­lo­gi­schen Aus­ein­an­der­set­zung bes­ten­falls zu Kopis­ten, Sta­tis­ten und Tech­no­kra­ten. Spä­tes­tens bei der nächs­tens Bun­des­tags­wahl kommt es zum abso­lu­ten Show-Down. Vor allem die CDU wird sich ent­schei­den müs­sen: den Grü­nen oder der AfD fol­gen? Spiel­raum vor neue, eige­ne Inhal­te gibt es nicht, da den die ande­ren voll­um­fäng­lich besetzt haben. Die SPD hat jetzt schon erheb­li­che Tei­le ihrer Wäh­ler­schaft an die Grü­nen und die AfD ver­lo­ren. Es erstaun mich auch immer wie­der, wie vie­le ehe­ma­li­ge SPD-Genos­sen sich mitt­ler­wei­le der AfD ange­schlos­sen haben.

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Ver­öf­fent­licht bei Ste­e­mit. Letz­te Aktua­li­sie­rung: 4. Aug 2018 @ 22:39

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