Historisches

Carnuntum am Donau-Limes: Heerlager und zivile Stadt an der Grenze eines Weltreiches 
Die Geschichte droht sich zu wiederholen

29. Juli 2018

In die­sem Som­mer hat­te ich die Gele­gen­heit die Römer­stadt Car­nun­tum zu besich­ti­gen. Im heu­ti­gen Petro­nell-Car­nun­tum und Deutsch Alten­berg wird an drei Muse­ums­stand­or­ten (und wei­te­re inter­es­san­ten Orten rings­her­um) die spät­an­ti­ke Geschich­te Nie­der­ös­ter­reichs prä­sen­tiert. Zu besich­ti­gen sind Nach­bau­ten römi­scher Gebäu­de der Zivil­stadt, die aus­ge­gra­be­nen Res­te des Amphi­thea­ter der Mili­tär­stadt und das eigent­li­che Muse­um Car­nun­ti­num mit den Aus­gra­bungs­fun­den.

Car­nun­tum als Kas­tell am Donau-Limes

Im Jah­re 15 v. Chr. wur­de das König­reich Nori­kum als eines weni­gen Gebie­te ein­ver­nehm­lich in das Römi­sche Reich ein­ge­glie­dert. Bis Mit­te des 1. Jahr­hun­derts wur­de die Pro­vinz unter dem Namen Illy­ri­cum infe­ri­us geführt. 103 oder 106 erfolg­te die Tei­lung der Pro­vinz Pan­no­nia in Pan­no­nia supe­ri­or und Pan­no­nia infe­ri­or.

Panon­ni­en lag damals an der Nord-/Ost­gren­ze Römi­schen Rei­ches, die gegen ein­fal­len­de Bar­ba­ren­stäm­me aus dem Nor­den und Osten ver­tei­digt wer­den muß­te. Der Abschnitt mili­tä­risch gesi­cher­te Gren­ze ent­lang der Donau vom heu­ti­gen Bay­ern bis nach Rumä­ni­en wird als Donau-Limes bezeich­net und war mit Kas­tel­len, Hilfs­kas­tel­len, Legi­ons­la­gern und Wach­tür­men gesi­chert. Einer der bedeu­tends­ten Mili­tärstand­or­te war für vier Jahr­hun­der­te das aus einem mili­tä­ri­schen und einem zivi­len Bereich bestehen­de Car­nun­tum an der Kreu­zung von Limes- und Bern­stein­stra­ße, zwei­er bedeu­ten­der Han­dels­we­ge.


- Anzei­ge -

Seit dem 1. Jahr­hun­dert n. Chr. waren im Mili­tär­la­ger von Car­nun­tum römi­sche Legio­nen und Auxi­li­ar­trup­pen dau­er­haft sta­tio­niert: Die Legio XV Apol­li­na­ris – mit Unter­bre­chun­gen – von 3940 bis 114 n. Chr., danach die Legio XIV Gemi­na Mar­tia Vic­trix bis zum Zusam­men­bruch der Donau­gren­ze im Jah­re 433. Die Legio X Gemi­na war ab ca. 64 für vier Jah­re in Car­nun­tum sta­tio­niert.

Die Legio XV Apol­li­na­ris wur­de von Gai­us Juli­us Cae­sar im Jah­re 53 v. Chr. wäh­rend des gal­li­schen Krie­ges auf­ge­stellt und unter sei­nem Nach­fol­ger und Erben Octa­vi­an im Jah­re u.a. im Römi­schen Bür­ger­krieg gegen sei­nen Gegen­spie­ler Sex­tus Pom­pei­us ein­ge­setzt, nahm spä­ter an den Kämp­fen gegen die Par­ther und um Jeru­sa­lem teil und wur­de schließ­lich nach Sata­la ver­legt.

Die wahr­schein­lich um 4041 v. Chr, aus­ge­ho­be­ne Legio XVI Gemi­na Mar­tia Vic­trix hat­te zuvor ihre Stand­or­te in Cen­abum (Orleans), Mogon­ti­a­cum (Mainz) und war an den Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit  kel­ti­schen und ger­ma­ni­schen Stäm­men betei­ligt. Sie nahm auch an der Erobe­rung Bri­tan­ni­ens teil. Danach wur­de sie zur Siche­rung der zuneh­mend gefähr­li­cher wer­den­den Donau­gren­ze nach Pan­no­ni­en ver­legt, war dort u.a. in Vin­do­bo­na (Wien) und zuletzt in Car­tunum sta­tio­niert. Dort gehör­te sie zu den Legio­nen, die am 9. April 193 den dama­li­gen Statt­hal­ter von Pan­no­nia supe­ri­or, Sep­ti­mi­us Seve­rus, zum Gegen­kai­ser zu Didi­us Julia­nus aus­rie­fen, der das Amt nach der Ermor­dung sei­ner bei­den Vor­gän­ger bei den Prä­to­ria­nern erstei­gert hat­te. Er mar­schier­te mit den Donau­le­gio­nen ohne Wider­stän­de bis nach Rom und wur­de vom Römi­schen Senat im Amt bestä­tigt. Sep­ti­mi­us Seve­rus begrün­de­te das Herr­scher­haus der Seve­rer. Kai­ser Vale­ria­nus mach­te Car­tunum zu sei­nem Haupt­quar­tier für den Feld­zug gegen die Mar­ko­man­nen in den Jah­ren 364 bis 378, an dem  wahr­schein­lich auch die Legio XVI betei­ligt war. Anfang des 4. Jahr­hun­derts wird die Legi­on aus Car­tunum abge­zo­gen, ihre Spur ver­liert sich.

Cart­un­tum als poli­ti­sches Zen­trum Pan­no­ni­ens

Anfangs hat­te Car­nun­tum noch zur benach­bar­ten Pro­vinz Nori­cum gehört, wur­de aber von Kai­ser Tibe­ri­us Pan­no­ni­en ange­glie­dert und zum Ver­wal­tungs­zen­trum der Pro­vinz. Die Zivil­stadt, die sich par­al­lel zur Gar­ni­son ent­wi­ckel­te, wur­de im Jah­re 124 zur auto­no­men Stadt (Muni­ci­pi­um Aeli­um Car­nun­tum) erho­ben. Unter der Herr­schaft der Seve­rer von 193 bis 235 erleb­te Car­tunum sei­ne Blü­te­zeit. Sep­ti­mi­us Seve­rus erhob das Muni­ci­pi­um zur Colo­nia (Colo­nia Sep­ti­mia Aure­lia Anto­ni­nia­na Karnun­tum) und damit zur bedeu­tends­ten Stadt der Pro­vinz Pan­no­nia supe­ri­or.

Am 11. Novem­ber 308 war Car­nun­tum Schau­platz der Kai­ser­kon­fe­renz. Der bereits drei Jah­re zuvor abge­dank­te Kai­ser Dio­cle­ti­an hat­te sie ein­be­ru­fen, um die Strei­tig­kei­ten um sei­ne Nach­fol­ge zu been­den. Doch bereits weni­ge Jahr­zehn­te nach die­sem his­to­risch denk­wür­di­gen Ereig­nis in der Geschich­te Car­nun­tums setz­te der Nie­der­gang ein: Seit Kai­ser Kon­stan­tin im Jah­re 330 Van­da­len in der Pro­vinz ange­sie­delt hat­te, ver­fie­len die Städ­te Pan­no­ni­ens zuneh­mend. Immer mehr Sol­da­ten wur­den zum Schutz der Römi­schen Kern­ge­bie­te von der Gren­ze abge­zo­gen. Als in der Mit­te des 4. Jahr­hun­derts ein schwe­res Erd­be­ben Car­nun­tum in Mit­lei­den­schaft zog, wur­den vor allem nur noch die mili­tä­ri­schen Anla­gen wie­der auf­ge­baut und die Zivil­stadt bereits damals in gro­ßen Tei­len auf­ge­ge­ben. In sei­nen Auf­zeich­nun­gen cha­rak­te­ri­sier­te der römi­sche His­to­ri­ker Ammia­nus Mar­cel­li­nus Car­nun­tum im Jah­re 375 als „deser­tum, qui­dem nunc et squa­lens“, ver­fal­le­nes, schmut­zi­ges Nest.

Zwi­schen 380 und 401 wur­den nun­mehr ver­bün­de­te Bar­ba­ren­stäm­me im Gebiet der Pro­vinz ange­sie­delt. 395 Car­nun­tum wur­de durch einen neu­er­li­chen Ein­fall der Mar­ko­man­nen zer­stört. 405 wur­de Pan­no­ni­en durch die Goten, die nach Ita­li­en zogen, erneut ver­wüs­tet: Die römi­schen Bür­ger Pan­no­ni­ens flo­hen vor den west­wärts zie­hen­den Ein­dring­lin­gen.

Begüns­tigt durch den Abzug der römi­schen Legio­nen kam es 406 zu einem Auf­stand bar­ba­ri­scher Skla­ven und frei­er Bau­ern. Nach­dem 409 für kur­ze Zeit die römi­sche Herr­schaft wie­der­her­ger­stellt wer­den konn­te, über­flu­te­ten zwi­schen 410 und 420 nun­mehr die Hun­nen nach und nach das Land. Im Jah­re 433 über­ließ der west­rö­mi­sche Feld­herr Aeti­us schließ­lich im Eigen­in­ter­es­se das Gebiet von Pan­no­nia pri­ma (nach der Auf­tei­lung der Pro­vin­zen Pan­no­nia supe­ri­or und Pan­no­nia infe­ri­or im Jah­re 296 ent­stan­den), zu dem auch Car­nun­tum gehör­te, offi­zi­ell dem Hun­nen­fürs­ten Rua, damit die­ser ihm im Kampf gegen sei­ne per­sön­li­chen Fein­de unter­stützt.

Wie konn­te es zum Ver­lust der Pro­vinz kom­men?

Der Nie­der­gang von Pan­no­nia pri­ma und Car­tunum sind bei­spiel­haft für den Nie­der­gang und Aus­ein­an­der­fall des Römi­schen Rei­ches, der vor allem durch fol­gen­schwe­re, aber ver­meid­ba­re poli­ti­sche Fehl­ent­schei­dun­gen und offen­kun­di­ges Ver­sa­gen sei­ner Kai­ser und der sie tra­gen­den Eli­ten zurück­zu­füh­ren ist.

Kai­ser Cara­cal­la hat­te im Jah­re 212 n. Chr. in der Con­sti­tu­tio Anto­ni­nia­na allen frei­en Bewoh­nern sei­nes Rei­ches das römi­sche Bür­ger­recht – qua­si die Staats­an­ge­hö­rig­keit der dama­li­gen Zeit – ver­lie­hen. Und zwar des­halb, weil er so neue Ein­nah­men gene­rie­ren konn­te: Allein die Erb­schafts­steu­er­ei­nah­men sol­len sich ver­dop­pelt haben. Um wel­che Sum­men es dabei ging, kann man sich aus­ma­len, wenn man weiß, daß mit einem Feder­strich des Kai­sers 30 Mil­lio­nen Neu-Römer als Steu­er­zah­ler hin­zu­ka­men!

Das römi­sche Bür­ger­recht konn­te frei­lich nur mit der Fol­ge der­art auf­ge­bläht wer­den, daß die Bür­ger ihre bis­he­ri­gen Pri­vi­le­gi­en gegen­über den Nicht-Bür­gern ver­lo­ren. Das alte, in Jahr­hun­der­ten sorg­fäl­tig zu einer sta­bi­len Grund­la­ge des Staats­we­sen aus­ta­rier­te Sys­tem, das dem Ein­zel­nen eine durch­aus rea­lis­ti­sche Chan­ce auf gesell­schaft­li­chen Auf­stieg ein­räum­te, funk­tio­nier­te nicht mehr. Das Bür­ger­recht war mit einem einem Schlag nichts mehr wert. An sei­ne Stel­le trat ein neu­es Sys­tem der Unter­schei­dung in „Ehr­ba­re“ und „Gerin­ge­re“. Für die Ärme­ren und Ein­fluß­lo­sen unter den Alt-Bür­gern hat­te das ver­hee­ren­de Fol­gen: Waren sie bis­her durch ihr Bür­ger­recht geschützt, so konn­ten sie nun – wie ehe­mals nur Skla­ven oder Nicht­rö­mer – gekreu­zigt oder aus­ge­peitscht wer­den.

An Stel­le des ver­faß­ten Mit­ein­an­ders von Römern und Nicht-Römern trat der Gegen­satz zwi­schen den wohl­ha­ben­den Pri­vi­le­gier­ten und den Armen, min­der­be­rech­tig­ten Mas­sen. Rom war nicht mehr das ewi­ge Rom, son­dern fort­an Schau­platz eines vor­mo­der­nen Klas­sen­kamp­fes.  Bar­ba­ren­ein­fäl­le, Epe­de­mi­en, Bür­ger­krie­ge, aber auch eine läh­men­de Büro­kra­ti­sie­rung, mach­ten die Kri­se im 3. Jahr­hun­dert, aus der sich das Reich nie wie­der erho­len soll­te.

Das Bür­ger­recht, das das zer­brö­ckeln­de Welt­reich hät­te zusam­men­hal­ten kön­nen, hat­te Cara­cal­la ohne Not ein Jahr­hun­dert zuvor auf­ge­ge­ben: Bis zum Jah­re 212 das Bür­ger­recht viel­leicht der wich­tigs­te Inte­gra­ti­ons­an­reiz für die Bewoh­ner des Römi­schen Impe­ri­ums, da es mit all sei­nen weit­rei­chen­den Pri­vi­le­gi­en als Beloh­nung für Loya­li­tät, lang­jäh­ri­ge Ver­diens­te und erfolg­rei­che Assi­mi­la­ti­on ver­lie­hen wer­den konn­te. Die­ser Anreiz war nun weg­ge­fal­len, sodaß eine Iden­ti­fi­ka­ti­on des Ein­zel­nen mit der römi­schen Kul­tur und Lebens­wei­se als ver­bin­den­des Ele­ment, ja letzt­lich dem Gemein­we­sen als sol­chem, nicht mehr erstre­bens­wert war.

Bereits vor sei­nem Tod teil­te Kai­ser Theo­dosi­us im Jah­re 395 das Reich unter sei­nen bei­den Söh­nen auf: Arca­di­us bekam den Osten, Hono­ri­us den Wes­ten. Wäh­rend sich das Ost­rö­mi­sche Reich sta­bi­li­sie­ren konn­te, war zuneh­mend den Ein­fäl­len von Ger­ma­nen­stäm­men aus­ge­setzt. 410 erober­te West­go­ten­kö­nig Ala­rich schließ­lich Rom. Gemein­sam schlu­gen Römer und Ger­ma­nen 451 Hun­nen­kö­nig Atti­la in der Schlacht auf den Kata­lau­ni­schen Fel­dern. Ein wei­te­res Mal kam es zur Plün­de­rung von Rom, dies­mal durch die Wanda­len. In die­ser Zeit lag die wah­re Macht bereits bei ger­ma­ni­schen Heer­füh­rer, wäh­rend die Kai­ser schwach waren. Der letz­te ost­rö­mi­sche Kai­ser Romu­lus Augus­tu­lus wur­de schließ­lich im Jah­re 476 durch Odoa­ker abge­setzt.

Museum Carnuntinum, Deutsch Altenburg
Muse­um Car­nun­ti­num, Deutsch Alten­burg

Ein Fazit?!

Mir liegt es völ­lig fern, hier den Zei­ge­fin­ger zu schwin­gen und irgend­wem mei­ne Inter­pre­ta­ti­on der Geschich­te auf­drü­cken zu wol­len. Jeder von uns ist in der Lage selbst zu den­ken und sei­ne eige­nen Schlüs­se zu zie­hen. Ein paar klei­ne Anre­gun­gen will ich aber trotz­dem geben.

Bei Besuch der ver­schie­de­nen Aus­stel­lun­gen und Loka­li­tä­ten in Car­nun­tum-Petro­nel­l/­Deutsch Alten­burg war für mich zuneh­mend beun­ru­hi­gend: Wird es in gut 2000 Jah­ren jeman­den geben, der viel­leicht die Res­te uns­rer Bau­ten aus­gräbt und die Fun­de in Muse­en unter­bringt? Wer wird in umfang­rei­chen wis­sen­schaft­li­chen Abhand­lun­gen dar­über sin­nie­ren, war­um und wie­so Deutsch­land, Euro­pa, ja viel­leicht das christ­li­che Abend­land unter­ge­gan­gen ist?

Der Nie­der­gang und Unter­gang einer Nati­on, sei­ner Kul­tur und letzt­lich der damit ver­bun­de­ne Rück­schritt von Wis­sen­schaft, Tech­nik, Kul­tur und Zivi­li­sa­ti­on für Jahr­hun­der­te ist eine Gefahr, die uns in ähn­li­cher Wei­se aktu­el­le eben­falls bedroht. Noch schlim­mer: Rom hat sich und sei­ne Gren­zen lan­ge Zeit wenigs­tens aktiv ver­tei­digt!

Zum Ver­häng­nis ist den Römern letzt­lich ein mehr­fa­ches Ver­sa­gen gewor­den:

  • Ver­sa­gen der poli­ti­schen Führung/​schwacher Kaiser/​Dekadenz und Kor­rum­pie­rung der Eli­ten
  • Auf­ga­be des bis­lang erfolg­rei­chen „Inte­gra­ti­ons­drucks“ auf Nicht­rö­mer durch Ent­wer­tung des Bür­ger­rechts bei gleichzeitiger/​nachfolgender mas­sen­wei­se Ansied­lung völ­lig kul­tur­frem­der Stäm­me
  • Auf­ga­be der sta­bi­len, über Jahr­hun­der­te bewähr­ten Rechts- und Ver­fas­sungs­ord­nung, was zu einer Ver­schlech­te­rung der recht­li­chen Stel­lung und Lebens­ver­hält­nis­se des römi­schen Mit­tel­stan­des führ­te
  • Bar­ba­ren­ein­fäl­le von außen
  • Bür­ger­krie­ge
  • Epi­de­mi­en

Quel­len:


Ver­öf­fent­licht bei Ste­e­mit. Letz­te Aktua­li­sie­rung: 22. Aug 2018 @ 2:06

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