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Twitter entscheidet, was du (nicht) lesen sollst 
Qualitätsfilter gegen unliebsame Inhalte

11. Juli 2018

Drau­ßen reg­net es in Strö­men, ich habe Urlaub und WLAN. Die bes­ten Vor­aus­set­zun­gen, sich mal einem Geschäfts­ge­ba­ren von Twit­ter aus­ein­an­der­zu­set­zen, dem QFD-Fil­ter (QFD=Quality Func­tion Deploy­ment). Und ja, ich tra­ge mitt­ler­wei­le auch das rote Kreuz war zeit­wei­lig auch schon aus der Suche aus­ge­lis­tet.

Am 15. Mai 2018 ließ uns Twit­ter per Blog­ein­trag wis­sen, daß nicht mal 1 Pro­zent der Accounts wegen Miß­brauchs von ande­ren gemel­det wer­den. Und vie­les von dem, was gemel­det wer­de, ver­sto­ße nicht ein­mal gegen die Twit­ter­re­geln. Die­se Accounts hät­ten aber einen sehr nega­ti­ven Ein­fluß auf die „expe­ri­ence“, also die Nut­zer­er­fah­rung, bei Twit­ter. Um gegen uner­wünsch­te, aber regel­kon­for­me Nut­zung von Twit­ter (welch Wider­spruch!) vor­zu­ge­hen, habe man nun einen neu­en Algo­rith­mus ins Ren­nen geschickt. Der sor­tie­ren fort­an bestimm­te Tweets aus und am Ende unter “Wei­te­re Ant­wor­ten anzei­gen” ein (=QFD). Gleich­zei­tig wer­den sie in der Suche ver­steckt, was man aber in den Optio­nen ändern kann. Kon­kre­tes Bei­spiel (aus der Dis­kus­si­on mit dem Twit­ter­team von FDP-Gene­ral­se­kre­tä­rin Nico­la Beer zum QFD):


Quel­le: Twit­ter


Alle Ant­wor­ten von Accounts mit QFD-Fil­ter ver­ber­gen sich hin­ter der grau­en Schalt­flä­che unten. Klickt man dar­auf, bekommt man die „Gemein­hei­ten“,  die man bes­ser nicht sehen soll, ange­zeigt:


Quel­le: Twit­ter


Man könn­te mei­nen, daß es nur bestimm­te Tweets betrifft. Nein, es wird immer der gesam­te Account zum Schwei­gen gebracht. Und er wird nicht ein­mal von Twit­ter dar­über infor­miert!!! Selbst wenn die­ser aus­nahms­los Kat­zen­fo­tos ver­sen­det, ist er nicht vorm QFD-Bann sicher. Der Algo­rith­mus bewer­tet näm­lich über­haupt nicht den Inhalt des kon­kre­ten Tweets, son­dern nur die mit ihm im Zusam­men­hang ste­hen­den Inter­ak­tio­nen. Ent­schei­dend sind einer­seits Fak­to­ren, für die der Nut­zer des Accounts direkt ver­ant­wort­lich ist:

  • Der Account besitzt kei­ne bestä­tig­te Email-Adres­se,
  • sein Besit­zer unter­hält meh­re­re Accounts,
  • er folgt ande­ren Accounts oder sie ihm fol­gen, die gegen die Twit­ter­re­geln ver­sto­ßen haben,
  • er kon­tak­tiert häu­fig Accounts, denen er selbst nicht folgt,
  • er läßt Anzei­chen auf koor­di­nier­te Angriff auf ande­re Accounts erken­nen.

Ent­schei­dend sind aber jene Kri­te­ri­en, die der Inha­ber des Accounts nicht selbst beein­flus­sen kann:

  • Wie häu­fig wird ein Account wegen angeb­li­chen Miß­brauchs gemel­det?
  • Wie häu­fig wird er geblockt oder stumm geschal­tet?

Hier ist näm­lich dem Miß­brauch des QFD-Algo­rith­mus Tür und Tor geöff­net. Denn mit einer gewis­sen Anzahl von Mel­dun­gen, Blo­ckie­run­gen und Stumm­schal­tun­gen läßt sich jeder Account gezielt durch eine ent­spre­chend koor­di­nier­te Kam­pa­gne in den QFD-Bann beför­dern. Wie gesagt, auch wenn er nur Kat­zen­fo­tos twit­tert oder Koch­re­zep­te oder

Angeb­lich sol­len zwar posi­ti­ve Inter­ak­tio­nen des Accounts gegen­ge­rech­net wer­den, aber wenn ich mir mei­ne Likes und Ret­weets anschaue, glau­be ich da nicht wirk­lich dar­an. Oder ich wer­den wie­der­um nur von den Fal­schen gelik­ed und ret­wee­tet.


- Anzei­ge -

Es wird zum The­ma #QFD unter dem ent­spre­chen­den Hash­tag get­wit­tert, vie­le Opfer haben mitt­ler­wei­le den Hin­weis „QFD“ oder ein rotes Kreuz hin­ter ihren Nick­na­men bei Twit­ter gestellt. Als eine Form des Pro­tests und Auf­ruf zur Soli­da­ri­tät. Es wird aber auch ziem­lich viel Unsinn zum The­ma QFD-Bann ver­brei­tet. So trifft der alte Shadow­ban-Tes­ter http://tester.shadowban.de/ ent­ge­gen der Behaup­tung des Tages­schau Fakten[er]finders kei­ner­lei Aus­sa­ge dar­über, ob sich ein Account im QFD-Bann befin­det, sie­he hier:

Statt­des­sen läßt sich ein Account mit dem Tes­ter https://shadowban.eu/ auf einen QFD-Bann über­prü­fen. Ergeb­nis in mei­nem Fall:

Auch der Bei­trag der „Welt“ zum The­ma Shadow­ban hat­te zunächst den fal­schen Tes­ter ver­linkt, was aber spä­ter kor­ri­giert wur­de. Ein Schelm, wer jetzt Böses denkt…

Der Tes­ter gibt gleich über drei ver­schie­de­ne For­men des Banns bei Twit­ter Aus­kunft: Search Ban (hat­te ich auch schon mal), kon­ven­tio­nel­ler Shadow­ban und QFD-Bann. Letz­te­ren wer­de ich trotz Twit­ter­pau­sen und Nut­zung (ech­ter) frem­der IPs seit Wochen nicht mehr los. Aber auch inner­halb der QFD-Bla­se, die durch inten­si­ve Ver­net­zung betrof­fe­ner Accounts in den letz­ten Wochen ent­stan­den ist, lebt es sich vor­treff­lich. Und sie wächst von Tag zu Tag.

Doch damit nicht genug. Seit Mona­ten exe­ku­tiert Twit­ter eine regel­rech­te Lösch­or­gie an unlieb­sa­men Accounts. Wie die „Washing­ton Post“ berich­tet, hat es allein im Mai und im Juni 70 Mil­lio­nen Kon­ten erwischt. Und so geht es der­zeit der­zeit immer noch wei­ter. Jeden Tag ver­schwin­den mehr als eine Mil­li­on Accounts.


Ver­öf­fent­licht bei Ste­e­mit. Letz­te Aktua­li­sie­rung: 11. Jul 2018 @ 19:59

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