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[DSGVO:] EU-Bürokratie legt ein ganzes Land lahm 
Die bizarren Folgen der Datenschutzgrundverordnung

27. Mai 2018

So gut wie jeder, der irgend­wie mir Kom­mu­ni­ka­ti­on zu tun hat, hat in den letz­ten Wochen eine Abfol­ge von fünf Buch­sta­ben has­sen gelernt: DSGVO – die Daten­schutz­grund­ver­ord­nung der Euro­päi­schen Uni­on frißt wirt­schaft­li­che Res­sour­cen in einer Grö­ßen­ord­nung auf, wie es sonst nur aus­ge­mach­te Kata­stro­phen kön­nen. Es trifft vor allem die­je­ni­gen, die weder Zeit noch Geld für noch mehr Büro­kra­tie auf­brin­gen kön­nen, ohne an den Rand ihrer Exis­tenz gebracht zu wer­den. Klei­ne Unter­neh­men, Ärz­te, Archi­tek­ten und ande­re Frei­be­ruf­ler, Kleinst­ge­wer­be­trei­ben­de (dazu gehö­ren auch alle Blog­ger, die ein wenig Geld mit Wer­bung ver­die­nen), Ver­ei­ne und Ehren­amt­li­che. Anders als in Öster­reich gibt es in Deutsch­land näm­lich weder Erleich­te­run­gen noch Aus­nah­me­re­ge­lun­gen für die „klei­nen Leu­te“.

Doch selbst mit noch so gro­ßen Anstren­gun­gen läßt sich kei­ne Rechts­si­cher­heit her­stel­len. Zu unklar sind die Rege­lun­gen, zu kom­pli­ziert die tech­ni­schen Vor­gän­ge. zu intrans­pa­rent die Daten­strö­me vor allem ins außer­eu­ro­päi­sche Aus­land. Die Daten­schutz­grund­ver­ord­nung ist vor allem eine Daten­schutzver­un­si­che­rungsver­ord­nung. Sie beißt sich sogar in den eige­nen Schwanz: Beson­ders von jenen, die bis­lang mit einer simp­len Adress­lis­te ihrer Kun­den und Kon­takt­per­so­nen aus­ka­men, wird jetzt näm­lich auf­er­legt, durch die Doku­men­ta­ti­on von Sebst­ver­ständ­lich­kei­ten des All­tags Daten­ber­ge anzu­häu­fen, um sich in alle Rich­tun­gen vor finan­zi­el­len Wag­nis­sen etwai­ger Daten­schutz­ver­stö­ße abzu­si­chern. Dabei soll­te die DSGVO doch eigent­lich zu mehr Daten­spar­sam­keit füh­ren.


- Anzei­ge -

Auch die Fol­gen der DSGVO für das All­täg­li­che und bis­lang selbst­ver­ständ­li­che sind gro­tesk. So soll­te man es künf­tig lie­ber unter­las­sen, eigent­lich ja gut gemein­te Geburts­tags- und Glück­wunsch­kar­ten zu ver­sen­den oder Visi­ten­kar­ten ent­ge­gen neh­men. Fotos soll­ten bes­ser men­schen­leer sein. Auf das Ablich­ten der Hochs­zeits­ge­sell­schaft, das Klas­sen­fo­to oder den Schnapp­schuß auf der nächs­ten Par­ty soll­te man bes­ser eben­falls ver­zich­ten. Es sei denn, man hat vor­her sich eine schrift­li­che Ein­ver­ständ­nis­er­klä­rung geben las­sen. Daß das in den meis­ten fäl­len prak­tisch unmög­lich ist, muß­te auch der SWR im Hin­blick auch den zu über­tra­ge­nen Fron­leich­nams-Got­tes­dienst im Frei­bur­ger Müns­ter fest­stel­len.


Quel­le: Twit­ter


Die DSGVO ist nicht nur ein büro­kra­ti­scher Moloch, son­dern ein Feind der Frei­heit der Pres­se, der Mei­nung, des Beru­fes und letzt­lich der frei­en Ent­fal­tung der Per­sön­lich­keit. All das soll­te das Grund­ge­setz nach dem Wil­len sei­ner Väter (und einer Mut­ter) uns bis in alle Ewig­keit garan­tie­ren. Dar­aus wird wohl lei­der nichts, wie uns Ange­la Mer­kel schon 2015 mit der Aus­he­be­lung des Rechts­staa­tes demons­trier­te, wie sie uns mit dem Netz­werk­durch­su­chungs­ge­setz zu ver­ste­hen gab und jetzt mit der DSGVO, die maß­geb­lich von der deut­schen Regie­rung und ihren grü­nen Schat­ten­mäch­ten (wie Jan Phil­ipp Albrecht) auf den Weg gebracht wur­de. Sie ist vor­ges­tern, am 25. Mai 2018, in Kraft getre­ten. Damit gibt es auch die Daten­schutz­ge­set­ze der Bun­des­län­der nicht mehr. An ihre Stel­le sind Aus­füh­rungs­ge­set­ze getre­ten. Und auch das neu gefaß­te Bun­des­da­ten­schutz­ge­setz ist nur noch ein ver­län­ger­ter Arm der EU-Büro­kra­tie. Die DSGVO gilt näm­lich unmit­tel­bar in jedem EU-Mit­glieds­staat.

Doch nun scheint die Mer­kel-Regie­rung den Bogen über­spannt zu haben. Die Bla­ma­ge ist groß. Mit Hil­fe eines „Blitz-Geset­zes“ sol­len die gröbs­ten Ver­wer­fun­gen der DSGVO aus der Welt geschafft und die Gemü­ter beru­higt wer­den. Cars­ten Lin­ne­mann, Vor­sit­zen­der der  Mit­tel­stands­ver­ei­ni­gung der CDU/​CSU (MIT) for­dert von der Bun­des­re­gie­rung, dem zu erwar­ten­den Miß­brauch im Abmahn­we­sen die Grund­la­ge zu ent­zie­hen. „Die Betrof­fe­nen [müs­sen] sicher wis­sen, dass ver­se­hent­li­che Ver­säum­nis­se nicht zu Buß­gel­dern füh­ren“.

Der­weil haben US-ame­ri­ka­ni­sche Medi­en eine ganz ein­fa­che Lösung gefun­den, um sich den Ärger vom Hal­se zu hal­ten: Sie sper­ren Nut­zer aus Euro­pa gleich ganz von ihren Diens­ten aus. Hilft also nur VPN. Es gibt mitt­ler­wei­le Tools, die zwi­schen EU- und Nicht-EU-Nut­zern unter­schei­den. Was gilt aber, wenn jemand mit Sitz in der EU mit VPN im Inter­net mit einer rus­si­schen oder ame­ri­ka­ni­schen IP-Adres­se unter­wegs ist?

Ob das Gesetz, das in Win­des­ei­le durchs Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren gepeitscht wer­den wird, wirk­lich de Lage der im Namen des Daten­schut­zes geknech­te­ten ver­bes­sern oder eben doch nur ver­schlimm­bes­sern wird, bleibt abzu­war­ten. Jeden­falls ist Skep­sis ange­sagt. Der Gese­zu­ge­ber soll­te sich vor allem fra­gen, was er mit der DSGVO errei­chen will: Mehr Daten­schutz oder eine Inno­va­tions- und Krea­ti­vi­täts­brem­se unge­ahn­ten Aus­ma­ßes? Digi­ta­li­sie­rung ja oder nein? Dra­ko­ni­sche Stra­fen für freie Beru­fe, Kleinst­ge­wer­be, Ehren­amt und Pri­vat­leu­te för­dern jeden­falls nicht die Akpe­tanz und Sen­si­bi­li­tät für den Daten­schutz son­dern erzeu­gen bes­ten­falls eine neu­es Feind­bild.

Die DSGVO hat mich jeden­falls erst dazu ver­an­laßt, die Kom­men­tar­funk­ti­on kom­plett zu deak­ti­vie­ren, die­se elen­di­ge Opt-In/­Opt-Out-Ver­fah­ren ein­zu­füh­ren, ein ner­vi­ges (aber funk­tio­nie­ren­des) Coo­kie-Popup ein­zu­rich­ten, eini­ge Sicher­heits­fea­tures her­aus­zu­neh­men und wird vor­läu­fig davon abhal­ten Fotos von Per­so­nen zu ver­öf­fent­li­chen. Auf dem Weg dahin muß­ten die Daten­strö­me sämt­li­cher Plugins recher­chiert wer­den, Auf­trags­ver­abei­tungs­ver­trä­ge abge­schlos­sen und natür­lich jede Men­ge auf­ge­schrie­ben und doku­men­tiert wer­den. Das waren vie­le Stun­den Arbeit, wert­vol­le Lebens­zeit, die ich gern zu etwas Sinn­vol­le­rem genutzt hät­te. Aber ent­schei­dend ist, daß man sich nicht klein­krie­gen läßt. Auf­ge­ben ist nicht! Wei­ter­ma­chen jetzt erst recht!

Quel­len:

Letz­te Aktua­li­sie­rung: 21. Jun 2018 @ 16:53

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