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Hugo von Hofmannsthal: Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation
Rede am 10. Januar 1927

3. November 2017

„Der Pro­zess von dem ich rede, ist nichts ande­res als eine kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on von einem Umfan­ge, wie die euro­päi­sche Geschich­te ihn nicht kennt. Ihr Ziel ist Form, eine neue deut­sche Wirk­lich­keit, an der die gan­ze Nati­on teil­neh­men könne.“


Hugo von Hofmannsthal

Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation

Rede, gehalten im Auditorium Maximum der Universität München
am 10. Januar 1927

 Zugeeignet Karl Vossler, dem Rektor der Universität

Nicht durch unser Woh­nen auf dem Hei­mat­bo­den, nicht durch unse­re leib­li­che Berüh­rung in Han­del und Wan­del, son­dern durch ein geis­ti­ges Anhan­gen vor allem sind wir zur Gemein­schaft ver­bun­den. Hier­durch unter­schei­den sich unse­re alten euro­päi­schen Natio­nen von jenem jun­gen, nach außen mäch­ti­gen ame­ri­ka­ni­schen Staats­we­sen, in dem wir eine Nati­on in die­sem Sin­ne noch nicht zu erken­nen ver­mö­gen. In einer Spra­che fin­den wir uns zuein­an­der, die völ­lig etwas ande­res ist als das blo­ße natür­li­che Ver­stän­di­gungs­mit­tel; denn in ihr redet Ver­gan­ge­nes zu uns, Kräf­te wir­ken auf uns ein und wer­den unmit­tel­bar gewal­tig, denen die poli­ti­schen Ein­rich­tun­gen weder Raum zu geben, noch Schran­ken zu set­zen mäch­tig sind, ein eigen­tüm­li­cher Zusam­men­hang wird wirk­sam zwi­schen den Geschlech­tern, wir ahnen dahin­ter ein Etwas wal­tend, das wir den Geist der Nati­on zu nen­nen uns getrau­en. Alles Höhe­re, des Mer­kens Wür­di­ge aber, seit vie­len Jahr­hun­der­ten, wird durch die Schrift über­lie­fert; so reden wir vom Schrift­tum und mei­nen damit nicht nur den Wust von Büchern, den heu­te kein ein­zel­ner mehr bewäl­tigt, son­dern Auf­zeich­nun­gen aller Art, wie sie zwi­schen den Men­schen hin und her gehen, den nur für einen oder weni­ge bestimm­ten Brief, die Denk­schrift, des­glei­chen auch die Anek­do­te, das Schlag­wort, das poli­ti­sche oder geis­ti­ge Glau­bens­be­kennt­nis, wie es das Zei­tungs­blatt bringt, lau­ter For­men, die ja zuzei­ten sehr wirk­sam wer­den können.

Das Wort Lite­ra­tur bezeich­net wohl annä­hernd das glei­che, aber es ist uns zwei­deu­ti­ger in sei­nem Klang: der unglück­li­che Riß in unse­rem Volk zwi­schen Gebil­de­ten und Unge­bil­de­ten tritt uns gleich ins Gefühl, wenn wir die­ses Wort brau­chen, wir sind sogleich in sei­nem Bil­dungs­be­reich – der Abglanz aber von Goe­thes Geist, der vor hun­dert Jah­ren auf die­sem Wor­te lag, ist verblaßt.

Nicht die glei­che Bewandt­nis aber hat es mit dem glei­chen Begriff, wenn wir uns ande­ren benach­bar­ten Natio­nen zuwen­den. Von den drei roma­ni­schen Natio­nen, wel­che seit dem sech­zehn­ten Jahr­hun­dert eine nach der ande­ren die kul­tu­rel­le Füh­rer­schaft inne­hat­ten, ist uns die fran­zö­si­sche ihren Gren­zen nach und durch Schick­sals­ver­bun­den­heit die nächs­te. Sie nun besitzt eine Lite­ra­tur im wah­ren Sin­ne des Wor­tes. Das Gro­ße, seit Beginn der neue­ren Ära, das ist seit etwa drei­hun­dert­fünf­zig Jah­ren, Her­vor­ge­tre­te­ne erscheint fort­wir­kend. Das Mitt­le­re, zu jenem Gro­ßen in klar abge­stuf­tem Ver­hält­nis, tritt nach gemes­se­ner Zeit ins Dun­kel zurück und steigt in neu­en geist­rei­chen For­men wie­der her­vor. Selbst das Gerin­ge, für den Tag Bestimm­te, nimmt für die Span­ne sei­ner Wirk­sam­keit teil an einer gewis­sen Wür­de durch die Sorg­falt, mit wel­cher es eine rei­ne Spra­che anstrebt und die Gedan­ken klar und wohl­ge­ord­net und faß­lich wie­der­ge­ben will. Mode belebt die Tra­di­ti­on, Tra­di­ti­on adelt die Mode. Inner­halb sol­chen behar­ren­den Wech­sels ist der Ehr­geiz nicht dar­auf gerich­tet, abzu­ste­chen, son­dern: die tra­di­tio­nel­len For­de­run­gen zu erfül­len. Ein gro­ßer Beob­ach­ter hat es aus­ge­spro­chen, daß bei jenem Volk die Zucht des per­sön­li­chen Aus­dru­ckes über das Hin­rei­ßen­de der Ein­ma­lig­keit gestellt wird, und dem Kunst­wer­ke gegen­über rich­tet sich die Auf­merk­sam­keit nicht auf das bio­gra­phi­sche Mys­te­ri­um, son­dern auf das aus der Leis­tung abnehm­ba­re Gesetz. Die Blü­te die­ser Ten­denz ist die Sprach­norm, wel­che die Nati­on zusam­men­hält und inner­halb ihrer dem Spiel wider­strei­ten­der Ten­den­zen – der aris­to­kra­ti­schen wie der nivel­lie­ren­den, der revo­lu­tio­nä­ren wie der kon­ser­va­ti­ven – Raum gewährt. In die­ser gesel­ligs­ten Nati­on ent­wi­ckelt sich auch inner­halb der Lite­ra­tur jenes vor allem gesel­li­ge Ele­ment, des­sen Grund­la­ge eine nie schlum­mern­de wech­sel­sei­ti­ge Auf­merk­sam­keit und Riva­li­tät ist. Bei einer unge­heu­ren gesel­li­gen Reiz­bar­keit, deren Quä­len­des nur durch eine fast unbe­grenz­te sozia­le Erfah­rung erträg­lich wird, erscheint es mehr ver­spre­chend, sei­ne Gren­zen zu erken­nen als sie zu über­schrei­ten. Eben die­se gro­ße Auf­merk­sam­keit sichert der unauf­fäl­li­gen Schön­heit, dem glück­li­chen ein­zel­nen Zug, der Ele­ganz ihren Tri­umph. Die Ori­gi­na­li­tät gilt nur bedingt, jeden­falls gilt sie nur in bezug auf die ande­ren – der Deut­sche sta­tu­iert eine Ori­gi­na­li­tät an und für sich –, aber eine rela­ti­ve Über­le­gen­heit, das Über­ra­gen um ein Gerin­ges, wird hoch gewer­tet. Auch die Ein­sam­keit, bei uns der natür­li­che Spiel­raum des Geis­ti­gen, wird nur in der Spie­ge­lung des Gesel­li­gen über­haupt wahr­ge­nom­men. Sei es Rous­seau, sei es sein Vor­läu­fer, jener Mis­an­throp des Moliè­re, ihre Ein­sam­keit ist wie die Ver­ban­nung des Ovid nur das Wider­spiel der Gesel­lig­keit. Ihr Dort­sein, wo die ande­ren nicht sind, ist der Quell ihres Stol­zes und ihres Zür­nens, und sein Objekt sind immer die, wel­che, obwohl abwe­send, ihm als gegen­wär­tig stets vor­schwe­ben. Die Scheu vor dem unver­stan­de­nen Allein­sein ist grö­ßer als die vor dem Tode, und noch die Unsterb­lich­keit erscheint als die Visi­on eines gesel­li­gen Fort­le­bens. Das ein­zel­ne Talent wird stre­ben, sich mit Gra­zie in sei­nen Gren­zen zu bewe­gen, wis­send, daß die­se Beschei­dung ihm am meis­ten ein­trägt. Nir­gends hat die gro­be geis­ti­ge Schar­la­ta­ne­rie weni­ger Aus­sich­ten, dage­gen ist das geis­ti­ge Gewe­be so dicht, die Auf­merk­sam­keit aller auf alles so groß, daß auch der beschei­de­nen Leis­tung ein Mit­tö­nen noch der höhe­ren Regio­nen des Geis­ti­gen zuteil wer­den kann: denn in der Tat tönt dort alles über­ein mit allem. Was Selbst­zucht allein nicht wir­ken könn­te, wirkt die eher­ne Dis­zi­plin des Geschmacks und der Über­ein­kunft. Der Mög­lich­kei­ten, lächer­lich zu sein, sind unzäh­li­ge, die Reso­nanz jedes Feh­lers fast unbe­grenzt, der wit­zi­ge Kom­men­tar immer parat und bis zur Ver­nich­tung scharf. In der Medisance wird die gan­ze Nati­on zum Autor und zum geis­tig Genie­ßen­den. »Geschlos­sen ist der Ring, nicht der For­men sel­ber, son­dern gera­de durch die Welt­lich­keit, die Sozia­bi­li­tät der For­men ist der Ring geschlos­sen zwi­schen Dich­ter und Nati­on, Schrift­stel­ler und Leser, Spre­cher und Hörer«, um mich der Wor­te des Man­nes zu bedie­nen, der von die­sen Din­gen und ihren Zusam­men­hän­gen öfter und meis­ter­haft gehan­delt hat und auch noch den zar­tes­ten Flaum um sie, den Lebens­hauch, der die geis­ti­ge Form umgibt, uns tau­send­fach zuge­mit­telt hat – um mich der Wor­te Karl Voss­lers zu bedienen.

In sol­chem Kon­text, in wel­chem die Din­ge nur im flüch­ti­gen Umris­se erschei­nen, kann auf die Über­ein­stim­mung gera­de nur hin­ge­deu­tet -wer­den, in wel­cher die­se Sei­te des Lebens durch­aus und auf jede Wei­se mit der poli­ti­schen steht. Eng ist der Zusam­men­hang zwi­schen der skep­ti­schen Geis­tes­hal­tung, als einer für die­se Nati­on cha­rak­te­ris­ti­schen – wenn­gleich nicht ihrer ein­zi­gen –, mit jener poli­ti­schen Mög­lich­keit, frucht­ba­re, die Nati­on auf­rüt­teln­de, nicht sie zer­rüt­ten­de Revo­lu­tio­nen zu ent­fes­seln. Voll­stän­dig ist die Über­ein­stim­mung einer gewis­sen Grund­ten­denz des sprach­li­chen Geha­bens mit dem Schwung der Dies­sei­tig­keit, des­sen stärks­te Ent­la­dung in der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on zu einem sol­chen, in sei­nen Fol­gen noch nicht erle­dig­ten mate­ri­el­len und zugleich geis­ti­gen Ein­bruch in die deut­sche Welt führte.

Genug: Die Lite­ra­tur der Fran­zo­sen ver­bürgt ihnen ihre Wirk­lich­keit. Wo geglaub­te Ganz­heit des Daseins ist – nicht Zer­ris­sen­heit –, dort ist Wirk­lich­keit. Die Nati­on, durch ein unzer­reiß­ba­res Gewe­be des Sprach­lich-Geis­ti­gen zusam­men­ge­hal­ten, wird Glau­bens­ge­mein­schaft, in der das Gan­ze des natür­li­chen und kul­tür­li­chen Lebens ein­be­schlos­sen ist; ein Nati­onstaat die­ser Art erscheint als das inne­re Uni­ver­sum und von Epo­che zu Epo­che immer aufs neue als »das gedrun­ge­ne Gegen­stück zur deut­schen Zerfahrenheit«.

Der Raum­be­griff, der aus die­sem geis­ti­gen Gan­zen ema­niert, ist iden­tisch mit dem Geis­ter­raum, den die Nati­on in ihrem eige­nen Bewußt­sein und in dem der Welt ein­nimmt. Nichts ist im poli­ti­schen Leben der Nati­on Wirk­lich­keit, das nicht in ihrer Lite­ra­tur als Geist vor­han­den wäre, nichts ent­hält die­se lebens­vol­le, traum­lo­se Lite­ra­tur, das sich nicht im Leben der Nati­on ver­wirk­lich­te. Auf den Lite­ra­ten in die­sem »Para­dies der Wor­te« strahlt eine Wür­de ohne­glei­chen. Der Jour­na­list noch, und wäre er der kleins­te, darf sich neben Bos­su­et und La Bruyè­re stel­len, der Schul­leh­rer ist der Gefähr­te Mon­tai­gnes; Moliè­re und Lafon­tai­ne, Vol­taire und Mon­tes­quieu spre­chen noch heu­te für alle, alle spre­chen aus ihnen. Auch hier ist der Ring geschlossen.

Wen­den wir uns der eige­nen Nati­on zu, so tönt uns frei­lich gera­de­zu das Gegen­teil jener Ein­hel­lig­keit ent­ge­gen. Von einer Zusam­men­fas­sung aller pro­duk­ti­ven Geis­tes­kräf­te der Nati­on im Gebie­te der Lite­ra­tur kann kei­ne Rede sein; oder wir müß­ten uns dar­auf ein­las­sen, unter dem Begriff Lite­ra­tur hier etwas völ­lig ande­res zu ver­ste­hen als dort. Jener Kreis­lauf zwi­schen dem Geis­ti­gen und dem Gesell­schaft­li­chen, auf den dort alles hin­drängt, in den schließ­lich alles ein­mün­det, ihm wirkt hier der tiefs­te Instinkt ent­ge­gen. Statt daß dort noch in der Abwei­chung vom All­ge­mei­nen der Hin­weis auf das All­ge­mei­ne fühl­bar wird, bedarf es hier kei­ner Abwei­chung, damit sich das Bezug­lo­se ent­hül­le. Kein Zusam­men­hang in der Ebe­ne der Gleich­zei­tig­keit, kein Zusam­men­hang in der Tie­fe der Geschlech­ter­fol­ge. Jenes Fort­wir­ken dort des ein­mal Geleis­te­ten, wodurch eine gleich­zei­ti­ge geis­ti­ge Prä­senz von zwölf Gene­ra­tio­nen erreicht wird, hier ist von ihr, streng­ge­nom­men, kei­ne Spur. Der gan­ze Begriff geis­ti­ger Tra­di­ti­on erscheint nur höchst bedin­gungs­wei­se aner­kannt. Daß bei­spiels­wei­se eine Nati­on ihre zwei größ­ten His­to­ri­ker, Geis­ter von der Kraft Johan­nes von Mül­lers und Ran­kes, die wah­ren gro­ßen deut­schen Epi­ker der neue­ren Zeit, bei einer Wen­dung ihres Weges völ­lig aus dem Auge ver­lie­ren kön­ne, erscheint – wenn es zufäl­lig ins Bewußt­sein tritt – fast unbe­greif­lich. Und selbst in bezug auf ein sol­ches Phä­no­men wie Goe­the, fahn­det man nach einem Kon­sen­sus, will man her­ab in eine tie­fe­re Strö­mung als das ober­fläch­li­che Gerinn­sel der Bil­dungs­tra­di­ti­on, sieht man ab von der nicht ganz ange­neh­men Goe­the­ver­trau­lich­keit der Phi­lo­lo­gen und der Goe­thepie­tät der Ein­zel­nen, so kommt man zu der Ein­sicht: daß sein Wir­ken als ein schlecht­hin gege­be­nes, das durch alle Schich­ten hin fort­wir­ke, als Besitz, als ein Haben, als eine Imma­nenz im geis­ti­gen Bestehen nicht gel­ten kann; höchs­tens könn­te man in bezug auf ihn sich auf die For­mel eini­gen, die Rudolf Pann­witz aus­ge­spro­chen hat: daß Goe­the für den Deut­schen in sei­nem Ver­hält­nis zur Welt zwar nicht der Stand­punkt sein kön­ne, aber ein Punkt, auf den bezo­gen ande­re Punk­te Figu­ren wer­den. Aber auch dies gilt doch nur für die Reifs­ten unter den Gebil­de­ten, und über das Ver­hält­nis der Nati­on zu ihrem größ­ten Indi­vi­du­um ist damit nichts ausgesagt.

Die Grund­hal­tung drü­ben ist die­se: teil­ha­ben am natio­na­len Besitz, mit­in­be­grif­fen sein in die Reprä­sen­tanz der Nati­on, als wel­che sich voll­endet in der voll­kom­me­nen und allen zugäng­li­chen Sprach­schön­heit – Klar­heit, schö­ne Nüch­tern­heit, zucht­vol­le Nach­denk­lich­keit –, wel­che ein Sich­ha­ben ist, ein Selbst­be­sitz und Genie­ßen die­ses Selbst­be­sit­zes, gleich­weit vom »Baro­cken« und vom »Goti­schen«. Hüben aber ist dies die Gund­hal­tung: das Natio­nal-Gesell­schaft­li­che ist nicht das Pri­mä­re, son­dern die Wider­le­gung des Gesell­schaft­li­chen ist das Pri­mä­re. Von einem Etwas im geis­ti­gen Bestan­de der Nati­on, dem eine ver­kapp­te, aber kaum bestrit­te­ne Macht zukommt, wird jene Ebe­ne negiert, durch deren Set­zung sich die Gesamt­heit der geis­ti­gen Erzeug­nis­se erst zur Lite­ra­tur zusam­men­fas­sen wür­de. Wir haben eine Lite­ra­tur im unei­gent­li­chen, kon­ven­tio­nel­len Sin­ne, die auf­zähl­bar, aber nicht wahr­haft reprä­sen­ta­tiv noch tra­di­ti­on­bil­dend ist. Und wir haben neben ihr, außer ihr, unter ihr, über ihr eine geis­ti­ge Reg­sam­keit, die in dem Begriff Lite­ra­tur nicht ein­be­grif­fen sein will, aber alle Ansprü­che, das geis­ti­ge Leben der Nati­on zu bestim­men, in sich faßt, die sich weder an die Gegen­wart als die ver­ant­wort­li­che Gesel­lig­keit der Leben­den, noch an die Geschich­te als die ver­ant­wort­li­che Gesel­lig­keit der Nati­on zu bin­den, die über­haupt nichts zu ver­ant­wor­ten begehrt und doch nach den tiefs­ten, ja nach kos­mi­schen Bin­dun­gen und den schwers­ten, ja reli­giö­sen Ver­ant­wor­tun­gen für die Gesamt­heit begie­rig, durch­aus nur in der ein­zel­nen Per­sön­lich­keit wirk­sam sein will.

Wie nun bezeich­ne ich Ihnen die­se Geis­ti­gen und doch nicht durch das Werk Gedeck­ten und im Wer­ke Auf­ge­hen­den, die­se Ver­ant­wor­tungs­be­la­de­nen und doch Ver­ant­wor­tungs­lo­sen, die­se durch­aus Ver­ein­zel­ten, aber um die höchs­ten Bin­dun­gen Bemüh­ten, die­se fast Unbe­kann­ten und doch da und dort heim­lich und hin­ter­rücks Auto­ri­ta­ti­ven – die­se ungreif­ba­ren Vie­len oder Weni­gen, ohn­mäch­tig Mäch­ti­gen, geheim Wirk­sa­men? Ich weiß kein tref­fen­de­res Wort, sie zu bezeich­nen, als daß ich sie mit dem Wor­te nen­ne, mit dem Nietz­sche in der ers­ten »Unzeit­ge­mä­ßen Betrach­tung« die­se deut­sche Geis­tes­hal­tung bezeich­net hat: daß ich sie Suchen­de nen­ne, unter wel­chem Begrif­fe er alles Hohe, Hel­den­haf­te und auch ewig Pro­ble­ma­ti­sche in der deut­schen Geis­tig­keit zusam­men­faß­te und es gegen­über­stell­te allem Sat­ten, Schlaf­fen, Mat­ten, aber in der Schlaff­heit Über­mü­ti­gen und Selbst­zu­frie­de­nen: dem deut­schen Bildungsphilister.

Jener deut­sche Bil­dungs­phi­lis­ter mein­te damals nach einem sieg­rei­chen Rin­gen end­gül­tig tri­um­phie­ren zu dür­fen. Er mein­te, es sei an dem, daß man sich als die Nati­on der stärks­ten Kul­tur betrach­te; es sei an dem, daß man das ewi­ge Suchen und Wol­len und Rin­gen in ein Sein und Haben ver­wand­le, daß man sich behag­lich nie­der­las­se auf dem Fun­da­ment einer Bil­dung, die man besit­ze, geschaf­fen wie sie nun ein mal sei durch die Leis­tung unse­rer Klas­si­ker, die man ja habe, als einen fes­ten Besitz, der nicht ver­lo­ren­ge­hen kön­ne und der zusam­men mit ande­ren irdi­schen Besitz­tü­mern eben die Wirk­lich­keit aus­ma­che. Wie frei­lich eine sol­che über­mü­tig sat­te Geis­tes­hal­tung im über­wie­gen­den Tei­le der gro­ßen tra­gisch ver­an­lag­ten Nati­on Platz grei­fen konn­te, so daß nur ein Ein­zel­ner, eine so gespann­te See­le wie Nietz­sche, die­sem Sich­ge­bär­den ent­ge­gen­zu­tre­ten da war, das nimmt uns heu­te fast wun­der. Wir müs­sen dar­über stau­nen, daß es einen Moment geben konn­te, in wel­chem jene ver­kapp­te, aber kaum bestrit­te­ne Macht sich so wenig Gel­tung zu ver­schaf­fen wuß­te, jene ver­kapp­te Macht, wel­che inner­halb der Nati­on die Span­nun­gen und Beklem­mun­gen her­vor­ruft, an denen wir alle mit­lei­den, die­sen Span­nun­gen zeit­wei­se durch Aus­brü­che und Umstür­ze ein Ende macht, Schein­au­to­ri­tä­ten stürzt, herr­schen­de Zeit­ge­dan­ken abwirft und unser schat­ten­haf­tes Dasein immer wie­der ans Ewi­ge bin­det, und die ich nicht anders benen­nen kann als das geis­ti­ge Gewis­sen der Nati­on. Wenn die­ses Gewis­sen nun, geweckt und geschärft durch aller­dings furcht­ba­re Erfah­run­gen, heu­te mit sol­cher Ent­schie­den­heit die dem Bil­dungs­phi­lis­ter ent­ge­gen­ge­setz­te Par­tei nimmt, wenn es die Auto­ri­tät, die es zu ver­ge­ben hat, heu­te so ent­schie­den und unbe­denk­lich hin­über­wirft von den Behaus­ten zu den Unbe­haus­ten, von denen die haben zu denen die suchen, von der Lite­ra­tur zum außer der Lite­ra­tur ste­hen­den, rin­gen­den Sek­tie­rer­tum, von der geis­ti­gen Besitz­ord­nung zur Anar­chie – und wie sehr dies der Fall ist, das zu bezeu­gen rufe ich Ihr eige­nes Gefühl an, das untrüg­li­che Gefühl der Zeit­ge­nos­sen, Ihre täg­li­che Erfah­rung, die Atmo­sphä­re geis­ti­ger Beun­ru­hi­gung und Frag­wür­dig­keit, in der wir leben –, so ver­mag ich dar­in nur eines zu erken­nen: die Kraft und Gesund­heit die­ses Gewis­sens, sei­ne deut­sche Kühn­heit, daß es wie­der ein­mal die Schif­fe hin­ter sich ver­brennt, wie jener toll­küh­ne Aga­tho­kles von Syra­kus, als er in Afri­ka gelan­det war, um den Angriff auf Kar­tha­go auf­zu­neh­men – die gro­ße Art auch die­ses Gewis­sens, daß es mit gro­ßen Zeit­räu­men rech­net und des Gefähr­li­chen, der Roman­tik und jener nicht unver­schul­de­ten Ver­ödung und Ent­göt­te­rung, die auf sie folg­te, nur als eines Inter­mez­zos, eines leich­ten Zwi­schen­wel­len­spie­les gedenkt und dar­über hin­weg­geht und mit neu­em Mut und Glau­ben die Anar­chie legi­ti­miert und dadurch zu erken­nen gibt, sie hal­te die­se für die gül­ti­ge Erschei­nungs­form des Pro­duk­ti­ven in unse­rem geis­ti­gen Han­del und Wandel.

Die Trä­ger nun die­ser pro­duk­ti­ven Anar­chie – wenn anders als eine pro­duk­ti­ve die­se Anar­chie von uns begrüßt und gläu­big hin­ge­nom­men -wer­den soll –, die­se Suchen­den, da wir sie mit dem ein­zi­gen Wor­te als eine Gemein­schaft begrei­fen kön­nen, – was sie denn suchen, um was sie denn rin­gen, viel­leicht kön­nen wir dem spä­ter­hin auf Blick­wei­te uns annä­hern. Aber zuvor wol­len wir sie doch sel­ber vor uns sehen, wir wol­len die­se Geis­ter zitie­ren, daß sie uns für einen Augen­blick hier Erschei­nung wer­den. Wo, fra­gen wir da, in wel­chem Rand­be­zirk unse­res Lebens sie­deln denn die­se Suchen­den, in wel­chem Geklüf­te unse­rer viel­zer­klüf­te­ten Kul­tur haben sie denn ihre Wohn­stät­ten auf­ge­schla­gen, wo begeg­ne­te denn, wer ihnen begeg­nen woll­te, am schnells­ten die­sen schwei­fen­den, ver­lo­re­nen Söh­nen, die doch den Fah­nen­wa­gen ihrer Nati­on in ihrer Mit­te füh­ren? – so wis­sen Sie dar­auf die Ant­wort so wohl als ich sie weiß. Auf Schritt und Tritt begeg­nen wir ihnen, nie­mals aber als einem dich­ten Hau­fen, son­dern ein­zeln schwei­fend durch­drin­gen sie die­se Nati­on der Ein­zel­nen. Ihre Nächs­ten, die Sie da vor mir sit­zen, wo nicht Sie sel­ber, Ihre Kin­der, Ihre jün­ge­ren Brü­der und Schwes­tern, Ihre Freun­de und die Freun­de Ihrer Freun­de sind in dies schwei­fen­de Trei­ben ver­strickt. Ich ver­su­che es und rede Ihnen zusam­men­fas­send von dem, was im ein­zel­nen in der täg­li­chen Erfah­rung ist, die unser Leben mit frag­wür­di­gen Lich­tern über­spielt. Dies Suchen und Trei­ben und Drän­gen ist über­all da, es mani­fes­tiert sich in jedem Wort höhe­rer geis­ti­ger Rede, das zwi­schen uns hin und her geht. Es ist da als ein Schwin­del unter unse­ren Füßen, es bringt dies Gefähr­li­che und Abwe­gi­ge, mit Über­ra­schun­gen und Zwei­feln Schwan­ge­re in jede Unter­hal­tung, es durch­setzt die Atmo­sphä­re mit der Ahnung, daß bestän­dig alles mög­lich ist – mit die­sem Knis­tern wie vom Zer­fall gan­zer Wel­ten, die­sem hah­len Her­an­we­hen eines ewig Morgigen …

Wem ist nicht, und mehr als ein­mal, die Gestalt begeg­net, die die­se Zei­chen trug und von sol­cher Luft umweht war? Der schwei­fen­de, aus dem Cha­os her­vor­tre­ten­de Geis­ti­ge, mit dem Anspruch auf Leh­rer­schaft und Füh­rer­schaft – mit noch ver­we­ge­ne­ren Ansprü­chen – mit dem Anhauch des Geni­us auf der hohen Stirn, mit dem Stig­ma des Usur­pa­tors im scheu­lo­sen Auge oder im gefähr­lich geform­ten Ohr? Er, der dar­um revo­lu­tio­när in der geis­ti­gen Welt ist, weil ihm, als einem wah­ren Deut­schen und Abso­lu­ten, die For­men der gesell­schaft­li­chen, der geschicht­li­chen Welt nicht des Zer­bre­chens wert erschei­nen, so wenig nimmt er ihr Gewal­ti­ges wahr, so wenig gilt ihm ihr Gewal­ti­ges für wirk­lich, und der nun für sei­nen Kriegs­zug Gefähr­ten wirbt, Adep­ten, sol­che die sich ihm unbe­dingt unter­wer­fen, denn so sehr alles in sei­nem tita­ni­schen Begin­nen auf Allein­sein gestellt ist, die völ­li­ge, star­ren­de Ein­sam­keit erträgt er doch auf die Dau­er nicht. Er ist auch Dich­ter, die­ser unser Unge­nann­ter, des­sen Umris­se ich Ihnen in die Luft hin­zeich­ne, als eines für vie­le – viel­leicht ist er mehr Pro­phet als Dich­ter, viel­leicht ist er ein ero­ti­scher Träu­mer – er ist eine gefähr­li­che hybri­de Natur, Lie­ben­der und Has­sen­der und Leh­rer und Ver­füh­rer zugleich. Wenn er es zuzei­ten nicht ver­schmäht, Dich­ter zu sein, so geschieht es nicht um des Wer­kes wil­len. Das Werk wür­de ihn in die Ord­nung hin­ein­be­zie­hen, um ihn aber in sei­ner empe­do­klei­schen Nackt­heit schlägt unrea­li­sier­te Dich­tung ihren Man­tel, sein Haupt­werk ist ein nie geschrie­be­nes, dem alles was er von sich gibt nur Pro­le­go­me­na sind, als sol­che belang­los, bedeut­sam nur in der von ihm und den Sei­nen erahn­ten Rela­ti­on zum Haupt­werk, jenem, das einer Umschöp­fung sei­nes Ich und damit einer Umschöp­füng der Welt gleich­kommt. Um die Spra­che ringt er zuzei­ten wirk­lich – aber nicht mit­zu­wir­ken an der Schöp­fung der Sprach­norm, in der die Nati­on zur wah­ren Ein­heit sich bin­det, son­dern als die magi­sche Gewalt, die sie ist, will er sich sie dienst­bar machen, sei­ne geis­ti­ge Lei­den­schaft ist so groß, in den höchs­ten Momen­ten wird er wirk­lich ein lei­den­schaft­lich Erschau­tes bis in den Rhyth­mus sei­nes Lei­bes in sich nach­zit­tern füh­len und dann wahr­haft Dich­ter sein. Zuzei­ten wie­der wird er die Her­ab­las­sung des Spre­chens ver­schmä­hen, wird er durch Kri­sen einer Sprach­be­zweif­lung durch­ge­hen, die ihre furcht­ba­ren Spu­ren bis in die fla­ckern­den Züge sei­nes Gesich­tes zurück­las­sen wird, und wie­der zuzei­ten sich empor schwin­gen zu einer Ahnung der hei­len­den Funk­ti­on der Spra­che, zur Erschau­ung ver­wirk­lich­ba­rer Maß­ge­stal­ten. Er wird sich gele­gent­lich auch der lite­ra­ri­schen For­men bedie­nen: des Dra­mas, des Romans, der Para­bel, aber wo er sich ihrer bedient, wird es nur gesche­hen, um sie zu tran­szen­die­ren. Sein Dra­ma wird ihm zum Mythos des eige­nen Ich auf­schwel­len, sein Roman wird kos­mi­sche Geheim­nis­se umschlie­ßen, wird Mär­chen, His­to­rie, Theo­go­nie und Bekennt­nis zugleich sein wol­len. Je groß­ar­ti­ger, frag­men­ta­ri­scher er sich gibt, um so groß­ar­ti­ger wird er ver­lan­gen, als ein Gan­zes, als das ein­zi­ge Gan­ze die­ser zer­ris­se­nen Welt genom­men zu wer­den … Er wird vie­le ken­nen und vie­len sich ver­stri­cken, wird erschüt­tern und ver­wir­ren, Ent­wick­lun­gen mit sich rei­ßen und ver­schüt­ten: aber es wird kei­ner ihm begeg­net sein, der nicht von die­ser Begeg­nung in sei­nem inne­ren Leben Epo­che datierte.

Denn er hat die­ses Gesetz über sich gesetzt, daß alles mit ihm, mit sei­ner See­len­wal­lung neu anfan­gen müs­se – und so meint jeder von sei­nen jun­gen Begeg­nen­den; für ihn ist alles über­wun­den und so wie es zu gel­ten scheint nicht gül­tig, son­dern muß zu neu­er Gül­tig­keit aus ihm wie­der­ge­bo­ren wer­den -und so meint es jeder; er schleppt sich aus der Fer­ne der Zei­ten die wider­spens­tigs­ten Blö­cke her­bei, sei­nen Tem­pel zu bau­en, Urwor­te von da und dort, sibyl­li­ni­sche Sprü­che der vor­pla­to­ni­schen Den­ker, Orpheus oder Hamann, Lio­nar­do oder Lao­tse – und so hält es jeder; er ver­schmäht es, gemäß Ord­nun­gen zu emp­fan­gen, und will gemäß Ord­nun­gen, die von ihm gesetzt sind, aus­tei­len – und so will es im Her­zen jeder.

Ist Ihnen aber der Umriß die­ser Gestalt zu scharf und zu unheim­lich, so las­sen Sie mich einen ande­ren Umriß hin­zeich­nen; völ­lig kon­tras­tie­rend mit die­sem in der Grund­ge­bär­de. Auch ihm sind wir im Gewühl der Suchen­den begeg­net, der so zucht­voll war, als jener ers­te voll Über­he­bung, so gebun­den bis zur Qual, als jener frei bis zur Zer­rüt­tung. Waren die Rän­der unse­rer Geis­tes­welt der Wohn­be­reich jenes Schwei­fen­den, so suchen wir das Bild die­ses an einer der hohen, stren­gen Stät­ten der Wis­sen­schaft, inmit­ten des auf­ge­häuf­ten Geis­tes­er­bes; und die­ses Erbe selbst und die Beru­fung es zu wah­ren wird ihm zum dun­kels­ten Geschick. Ein schwer­mü­ti­ger Ernst umfließt die­se Gestalt, aber geis­ti­ge Lei­den­schaft ist auch in ihr der dun­kel­glü­hen­de Kern, etwas Heroi­sches ist in ihr, hero­isch der nie ent­spann­te Wil­le, dem Über­schwel­len geis­ti­ger Erkennt­nis immer wie­der die sitt­li­che Norm, das abso­lu­te Maß zu ent­rei­ßen, tra­gisch die höchs­te, letz­te Ein­sicht, jene, die direkt zur Auf­op­fe­rung führt, daß »die Digni­tät der sitt­li­chen Norm uns erst im Voll­zug zu erken­nen gege­ben sei«.

Eine Hybris ist auch hier: im Über­span­nen der Kräf­te – als ein Ein­zel­ner – die hybrid gewor­de­ne Wis­sen­schaft, dies Weg­ge­bro­che­ne vom Leben, das nicht mehr da sein will, daß es dem Men­schen die­ne, son­dern daß der Mensch ihm die­ne, mit sei­nen, eines Indi­vi­du­ums, Kräf­ten zurück­bie­gen zu wol­len und kos­te es das Leben – in die­ses Klaf­fen­de sich mit sei­nem Indi­vi­du­um her­ein­zu­stür­zen, damit die Kluft sich schlie­ße. Wun­der­bar pathe­tisch voll­zieht sich die­se Hybris als die Gebär­de eines kraft­vol­len, von Fes­seln und Ban­den umschnür­ten raum­lo­sen Gefan­ge­nen – wie dort als eines fast Rasen­den, im all­zu frei­en Rau­me Lech­zen­den, daß ihn etwas berüh­re und begren­ze. War in jenem Tun die Hybris des Herr­schen­wol­lens, fußend auf erträum­ten, vor­weg­ge­nom­me­nen Ord­nun­gen, so ist in die­sem eine Hybris des Die­nen­wol­lens, über­kom­me­nen Ord­nun­gen das Blut­op­fer zu brin­gen; klingt hin­ter jenem Sich­auf­re­cken ein Wil­des, Heid­ni­sches wie Tubak­län­ge, so tönen hin­ter die­ser hel­den­haf­ten Stren­ge mit eher­ner Schwer­mut die Töne des Zin­zen­dorf­i­schen Kirchenliedes:

Wir wol­len nach Arbeit fragen,
Wo wel­che ist,
Nicht an dem Amt verzagen
Und unse­re Stei­ne tragen

Aufs Baugerüst.Aber sie sind nur Schat­ten und Sche­men, die­se bei­den, und der wirk­li­chen unse­rer Suchen­den ist Legi­on und Legi­on die Zahl unse­rer Begeg­nun­gen mit ihnen. Die Gestalt des Suchen­den ist an kei­ne Alters­stu­fe gebun­den: wie wir jenem zum frü­hen Tode bestimm­ten Jüng­ling begeg­net sind und in ver­wan­del­ter Gestalt ihm wie­der begeg­nen wer­den, des­sen Gesprä­che so hoch waren, daß es den Über­le­ben­den bedün­ken moch­te, aus die­sem früh ver­schlos­se­nen Mun­de habe der Geni­us der Nati­on zu ihm gespro­chen, so führt uns ein ande­rer Schick­sals­tag den Sech­zig­jäh­ri­gen ent­ge­gen, der mit fast Gleich­al­te­ri­gen sich zusam­men­ge­fun­den hat, daß sie mit Jüng­lings­ei­fer ihre Erfah­rung auf­ein­an­der­le­gen, die Erfah­rung ihrer Wis­sen­schaft, ihres Arzt­tums, ihres geist­li­chen Amtes, ihrer Jugend­bild­ner­schaft, ihres Künst­ler­stre­bens, und daß sie aller die­ser Din­ge Wesen­heit erken­nen, als die »ver­streu­ten Glie­der einer Idea­li­tät, die sich nicht zu sehen, nur zu suchen gibt«, und rin­gen, aus ihnen die eine Wis­sen­schaft zu zie­hen, die not tut.

Die­ser Grup­pen gibt es vie­le im inner­lich so wei­ten Rau­me unse­res gro­ßen Lan­des, vom Boden­see bis an die Kuri­sche Neh­rung, von der Weser bis ins stei­ri­sche Gebir­ge, und ihr gehei­mer Kon­sen­sus – all die­ser Absei­ti­gen, Unge­kann­ten, von Geis­tes­not sich sel­ber beru­fen Haben­den – ist die wah­re und ein­zig mög­li­che deut­sche Akademie.

Deu­ter sind sie in ihren höchs­ten Augen­bli­cken, Seher – das wit­tern­de, ahnen­de deut­sche Wesen tritt in ihnen wie­der her­vor, wit­ternd nach Urna­tur im Men­schen und in der Welt, deu­tend die See­len und die Lei­ber, die Gesich­ter und die Geschich­te, deu­tend die Sied­lung und die Sit­te, die Land­schaft und den Stamm; Schrift­le­ser, Hand­le­ser, Stern­le­ser – und die Wucht der Erfah­rung oder die Not der Jugend löst ihnen das Wort vom Mun­de, der Wir­bel der Viel­heit oder die Ergrif­fen­heit vor dem Ein­zel­nen. Um sie ist ein Krei­sen von Begeg­nen­den und Mit­ge­ris­se­nen, von Sek­tie­rern aller Sor­ten – da spukt aller­lei aus drei oder vier Jahr­hun­der­ten, nicht ganz Abge­leb­tes, da zuckt Para­cel­sus auf und Jacob Böh­me, das zer­ris­se­ne Gesicht von Rein­hold Lenz, Lava­ters phy­sio­gno­mi­sches Pro­phe­ten­au­ge und die fla­ckern­de Mie­ne jenes Chris­toph Kauff­mann, den sei­ne Zeit­ge­nos­sen den Spür­hund Got­tes nann­ten – dies alles kreist mit – aber wo Wir­bel sind, dort ist Kraft wirk­sam, Wir­bel zie­hen Wir­bel an sich zu stär­ke­rem Krei­sen, und es gibt den Geist nicht, der sich der sau­gen­den Kraft die­ses Fel­des von rin­gen­den Wir­beln ent­zö­ge, er wäre denn ein Abgestorbener.

Wor­in liegt denn aber das Neue, daß die­se unse­re Suchen­den bezeich­net als die Uns­ri­gen, wodurch denn unter­schei­den sie sich vom roman­ti­schen und von jenem Trei­ben um 1770? Denn wirk­lich Vie­les ist ihnen mit die­sen Vor­fah­ren gemein­sam. Wer kei­nen sehr genau­en Blick hin­wür­fe, nicht scharf hin­horch­te, könn­te glau­ben, es gin­ge doch aber­mals um die­ses ver­wir­ren­de Gemisch von Begriffs­ge­spins­ten, um die­sen Kul­tus des Gemü­tes über alles, die­se Supre­ma­tie des Trau­mes über den Geist, um die­se schwär­me­risch-sehn­süch­ti­ge, die­se träu­me­ri­sche Pie­tät gegen das Gewe­se­ne, um die­ses fast wol­lüs­ti­ge Sich­ver­lie­ren in das Natur­haf­te, um die­sen gan­zen raf­fi­nier­ten Sen­sua­lis­mus, mit dem sich die roman­ti­schen Geis­ter wie ein Insek­ten­schwarm über alle Lebens­blü­ten des Mor­gen- und des Abend­lan­des gestürzt haben, ihre trun­ken­ma­chen­de Süßig­keit abzu­wei­den, es gin­ge um das Genie­ßen – das Genie­ßen sei­nes Selbst als Geist im Auf­bau von Begrif­fen, sei­nes Selbst als Gemüt im Sehn­süch­ti­gen und Träu­me­ri­schen, zuletzt in der Musik, es gin­ge um das Musik­ma­chen aus allem und mit allem, das das letz­te Wort der Roman­tik ist – die­ses Wei­che und Vage, alles in allem Auf­lö­sen­de, wel­ches das Stig­ma ist, womit die Roma­nen die­se Geis­tes­art als die deut­sche bezeich­nen zu dür­fen mei­nen und uns als Kna­ben, gleich­sam schwär­men­de und schwel­gen­de, unmün­di­ge, von ihrem Reich der Klar­heit und männ­li­chen Fes­tig­keit absondern.

Uns aber, den Zeit­ge­nos­sen nicht nur, son­dern den Genos­sen schlecht­weg die­ser Geis­tes­be­dräng­nis, den Mit­lei­den­den unter die­sen Zer­klüf­tun­gen, Par­tei­un­gen, zeit­wei­sen Ver­dun­ke­lun­gen und Ver­fit­zun­gen, uns, die wir in der Welt zu leben haben, die für das Auge der roma­ni­schen Natio­nen ein undurch­dring­li­ches Dickicht ist, uns sind noch unbe­trüg­li­che­re Orga­ne gege­ben als das Auge und das Ohr, um zu erken­nen und zu wer­ten, was hier vor­geht. So dür­fen wir es wohl aus­spre­chen, daß es doch noch anders steht um unse­re Suchen­den als um ihre älte­ren Brü­der, jene Gene­ra­tio­nen von 1780 und 1800, wenn­gleich sie die­sen schick­sals ver­bun­den sind, als Glie­der schmerz­vol­ler Ent­wick­lung. An Stel­le jenes dama­li­gen ver­ant­wor­tungs­lo­sen Wesens – und es mag dahin­ge­stellt blei­ben, ob es von Kraft oder von Schwä­che trun­ken war, denn es war viel jäher Über­gang dar­in von der über­heb­li­chen Selbst­be­haup­tung zur fast wol­lüs­ti­gen Pro­stra­ti­on –, an Stel­le eines Rausch – und Schwär­mer­we­sens ist bei unse­ren Suchen­den ein stren­ge­res, männ­li­che­res Geha­ben unver­kenn­bar getre­ten, eine Beschei­dung, in der Tap­fer­keit liegt, eine fast grim­mi­ge Fes­tig­keit gegen­über der Ver­füh­rung, sowohl ans Begriff­li­che als an das Schwär­me­ri­sche sich zu ver­lie­ren – ein Miß­trau­en gegen das unver­ant­wort­lich Spe­ku­la­ti­ve und ein Miß­trau­en auch gegen das unver­ant­wort­lich Musi­kan­ti­sche, etwas Fana­ti­sches und Aske­ti­sches, ein die Hast ver­schmä­hen­des, aus­dau­ernd resi­gnier­tes Wesen, wie es jene frü­he­ren Zei­ten nicht gekannt haben. Denn nicht Frei­heit ist es, was sie zu suchen aus sind, son­dern Bin­dung. Dies besagt die bis zum Krampf ener­gi­sche gro­ße Gebär­de, die wir an ihnen wahr­neh­men, daß sie sich fest­bin­den wol­len an der Not­wen­dig­keit, aber an der höchs­ten, an der, die über allen Sat­zun­gen und gleich­sam der geo­me­tri­sche Ort aller denk­ba­ren Sat­zun­gen ist. Nie war ein deut­sches Rin­gen um Frei­heit inbrüns­ti­ger und dabei zäher, als die­ses in tau­sen­den See­len der Nati­on vor sich gehen­de Rin­gen um wah­ren Zwang und Sich­ver­sa­gen dem nicht genug zwin­gen­den Zwang. Wenn Lich­ten­berg ein­mal schrieb: Dies sei das eng­li­sche Wort, das sich jeder Deut­sche auf den Fin­ger­na­gel schrei­ben müs­se: »Als ein Gan­zes muß der Mann sich regen« – heu­te ist die­ser Samen in den Bes­ten der Nati­on auf­ge­gan­gen; denn um die Ganz­heit, auf die jenes Wort hin­deu­tet, daß sich See­le und Geist, daß sich das gan­ze Gemüt auf eins rege, um das geht es heu­te, wenn es um etwas geht. Jenes »Gib mir wo ich ste­he, und ich wer­de dir die Welt aus den Angeln heben« tönt aus ihren Send­schrei­ben, aus ihren Unter­re­dun­gen und auch aus ihren ein­sa­men Medi­ta­tio­nen mit einem fins­ter fes­ten Klang, der, wenn ich mei­nem Ohre trau­en darf, mehr von inne­rem Metall zeugt als die tita­ni­schen Aus­brü­che und melo­di­schen Roman­tis­men jener frü­he­ren Epochen.

Wohl ist die Form, in der sich die­ses neue Suchen und Rin­gen voll­zieht, schein­bar die glei­che geblie­ben: der lei­den­schaft­lich-ein­sa­me Dienst an der eige­nen See­le als ein­zi­ger Daseinsin­halt, ein­zi­ge Pflicht, die alles auf­zehrt – jener Geis­tes­zu­stand des ein­sa­men welt­lo­sen Deut­schen, seit ihn die Revo­lu­ti­on zu Ende des acht­zehn­ten Jahr­hun­derts von der Sit­te, dem Her­kom­men, dem Väter­glau­ben jäh los­ge­ris­sen und ihm nur die schran­ken­lo­se Orgie des welt­lo­sen Ich anheim­ge­ge­ben hat­te. Auch unse­ren Suchen­den ist die Tie­fe des Ich, die dunk­le, eige­ne See­len­wal­lung das ein­zig Gege­be­ne, und ein­zi­ge Auf­ga­be die­ses tita­ni­sche Begin­nen: jenes Gan­ze da außen mit den blo­ßen zwei Hän­den aus­zu­rei­ßen aus sei­nem Stand, den es ein­nimmt in der Welt schein­geis­ti­ger Ord­nun­gen, und es mit sich hin­ab­zu­rei­ßen in die tie­fe­re Lebens­wo­ge und von da es wie­der empor­zu­rei­ßen zu neu­er Wirklichkeit.

 Aber auch die­se tita­ni­sche Grund­hal­tung, die­ses furcht­bar ange­spann­te, tra­gi­sche Sich­über­neh­men der ein­zel­nen See­leblei­be es die Grund­form der schöp­fe­ri­schen Anspan­nung beim Deut­schen – es ist an ihr viel und ent­schei­dend Ver­än­dern­des gesche­hen, denn zwi­schen die­sem suchen­den Geschlecht und jenem frü­he­ren liegt das furcht­ba­re Erleb­nis des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts – oder es anders aus­zu­drü­cken: der glei­che deut­sche suchen­de, nach höchs­ten Ver­ant­wor­tun­gen und Bin­dun­gen dürs­ten­de Geist spricht aus ihnen wie aus jenen frü­he­ren, aber er ist indes­sen einen furcht­ba­ren Weg gelau­fen und als ein Ver­än­der­ter wie­der zuta­ge getre­ten. Jenes mit Lust unmün­di­ge, kna­ben­haf­te tita­ni­sche Wesen ist ihm auf immer abge­streift. Sehr stren­ge Zei­chen der Männ­lich­keit sind sei­ner Mie­ne ein­ge­zeich­net: sein intel­lek­tu­el­les Gewis­sen hat eine unbe­grenz­te Schär­fung erfah­ren, es ist etwas von dem Ver­ant­wort­lich­keits­sinn der Wis­sen­schaft über ihn gekom­men, von den stren­gen Gelehr­ten­me­tho­den des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts, von die­sem Nichts­aus­las­sen­dür­fen, alles mit allem kon­fron­tie­ren zu müs­sen, die­sem Zwang, eine maß­lo­se Viel­fäl­tig­keit in sich aus­glei­chen zu müs­sen, auf kei­nem Resul­tat län­ger als eine Sekun­de aus­ru­hen zu dür­fen, noch min­der aber auf dem beque­men Bett der Skep­sis, son­dern immer wie­der sich auf­raf­fen und neu­en Fra­gen und Schick­sals­ent­schei­dun­gen auf Leben und Tod ins Auge sehen zu müs­sen – gewit­zigt zugleich und hero­isch sein zu müs­sen und ein­mal für alle­mal alle unver­ant­wort­li­chen Über­trei­bun­gen von sich abtun zu müs­sen, so die Selbst­über­he­bung wie die roman­ti­sche Pro­stra­ti­on vor die­sem oder jenem gelieb­ten Phan­tom mit ihrer Fol­ge, der roman­ti­schen Ironie.

Welch ein Erleb­nis aber auch, die­ses neun­zehn­te Jahr­hun­dert, so wie der deut­sche Geist es durch­zu­ma­chen hat­te, mit die­sen immer neu­en Anspan­nun­gen und Ent­span­nun­gen, immer schär­fe­ren Reak­tio­nen und Zusam­men­brü­chen, wel­che die See­le ver­zeh­ren­den Täu­schun­gen, Trun­ken­hei­ten und furcht­ba­ren Rück­schlä­ge, wel­che hal­ben und Zwi­schen­zu­stän­de unaus­denk­li­cher Art, bis end­lich in die­sem gan­zen schein­geis­ti­gen Bereich die Luft unatem­bar wur­de, bis end­lich aus die­sem Pan­dä­mo­ni­um von Ide­en, die nach Lebens­len­kung gier­ten – als ob es leben­len­ken­de Ide­en geben könn­te –, er sich los­rang, unser suchen­der deut­scher Geist, bewährt mit die­ser einen Erleuch­tung: daß ohne geglaub­te Ganz­heit zu leben unmög­lich ist – daß im hal­ben Glau­ben kein Leben ist, daß dem Leben ent­flie­hen, wie die Roman­tik wähn­te, unmög­lich ist: daß das Leben leb­bar nur wird durch gül­ti­ge Bindungen.

Wie kein Men­schen­ge­schlecht vor­dem weiß sich die­ses und das nächs­te, das wir schon zwi­schen uns auf­stei­gen sehen, der Ganz­heit des Lebens gegen­über­ste­hend, und dies in einem stren­ge­ren Sin­ne, als ihn roman­ti­sche Gene­ra­tio­nen auch nur zu erah­nen fähig waren. Alle Zwei­tei­lun­gen, in die der Geist das Leben pola­ri­siert hat­te, sind im Geis­te zu über­win­den und in geis­ti­ge Ein­heit über­zu­füh­ren; alles im äuße­ren Zer­klüf­te­te muß hin­ein­ge­ris­sen wer­den ins eige­ne Inne­re und dort in eines gedich­tet wer­den, damit außen Ein­heit wer­de, denn nur dem in sich Gan­zen wird die Welt zur Ein­heit. Hier bricht die­ses ein­sa­me, auf sich gestell­te Ich des tita­nisch Suchen­den durch zur höchs­ten Gemein­schaft, indem es in sich einigt, was mit tau­send Klüf­ten ein seit Jahr­hun­der­ten nicht mehr zur Kul­tur gebun­de­nes Volks­tum spal­tet. Hier wer­den die­se Ein­zel­nen zu Ver­bun­de­nen, die­se ver­streu­ten wert­lo­sen Indi­vi­du­en zum Kern der Nati­on. Denn von Syn­the­se auf­stei­gend zu Syn­the­se, mit wahr­haft reli­gio­ser Ver­ant­wor­tung bela­den, nichts aus­las­send, nir­gend zur Sei­te schlüp­fend, nichts über­sprin­gend – muß ein so ange­spann­tes Trach­ten, woan­ders der Geni­us der Nati­on es nicht im Sti­che läßt, zu die­sem Höchs­ten gelan­gen: daß der Geist Leben wird und Leben Geist, mit ande­ren Wor­ten: zu der poli­ti­schen Erfas­sung des Geis­ti­gen und der geis­ti­gen des Poli­ti­schen, zur Bil­dung einer wah­ren Nation.

In die­ser Grund­hal­tung ist die Siche­rung des geis­ti­gen Rau­mes anti­zi­piert, wie in der roman­ti­schen Hal­tung die Ver­geu­dung des Rau­mes, in der Hal­tung des Bil­dungs­phi­lis­ters die Ver­en­gung des Rau­mes Inbe­grif­fen ist.

Was die­ser syn­the­se­su­chen­de Geist erringt – wo immer hier, auch in der ein­zel­nen Brust, von Errun­gen­schaf­ten die Rede sein kann –, das sind schon ins Cha­os pro­ji­zier­te Punk­te, deren Ver­bin­dun­gen den Grund­riß jenes Geis­trau­mes ergäben.

Ich spre­che von einem Pro­zeß, in dem wir mit­ten inne ste­hen, einer Syn­the­se, so lang­sam und groß­ar­tig – wenn man sie von außen zu sehen ver­möch­te – als fins­ter und prü­fend, wenn man in ihr steht. Lang­sam und groß­ar­tig dür­fen wir den Vor­gang wohl nen­nen, wenn wir beden­ken, daß auch der lan­ge Zeit­raum der Ent­wick­lung von den Zuckun­gen des Auf­klä­rungs­zeit­al­ters bis zu uns nur eine Span­ne in ihm ist, daß er eigent­lich anhebt als eine inne­re Gegen­be­we­gung gegen jene Geis­tes­um­wäl­zung des sech­zehn­ten Jahr­hun­derts, die wir in ihren zwei Aspek­ten Renais­sance und Refor­ma­ti­on zu nen­nen pfle­gen. Der Pro­zeß, von dem ich rede, ist nichts ande­res als eine kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on von einem Umfan­ge, wie die euro­päi­sche Geschich­te ihn nicht kennt. Ihr Ziel ist Form, eine neue deut­sche Wirk­lich­keit, an der die gan­ze Nati­on teil­neh­men könne.

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