Historisches | Zeitgeschehen

Unsere verhängnisschwere Zeit
Zur Bundestagswahl 2017

23. September 2017

„Wir leben in einer ver­häng­nis­schwe­ren Zeit. Die groß­ar­tigs­te Geschichts­epo­che nicht nur der faus­ti­schen Kul­tur West­eu­ro­pas mit ihrer unge­heu­ren Dyna­mik, son­dern eben um die­ser wil­len der gesam­ten Welt­ge­schich­te ist ange­bro­chen, grö­ßer und weit furcht­ba­rer als die Zei­ten Cäsars und Napo­le­ons. Aber wie blind sind die Men­schen, über die die­ses gewal­ti­ge Schick­sal hin­weg­braust, sie durch­ein­an­der­wir­belnd, erhe­bend oder ver­nich­tend. Wer von ihnen sieht und begreift, was mit ihnen und um sie her geschieht? Viel­leicht ein alter wei­ser Chi­ne­se oder Inder, der schwei­gend, mit einer tau­send­jäh­ri­gen Ver­gan­gen­heit des Den­kens im Geis­te um sich blickt – aber wie flach, wie eng, wie klein gedacht ist alles, was an Urtei­len, an Maß­nah­men in West­eu­ro­pa und Ame­ri­ka her­vor­tritt! Wer begreift von den Bewoh­nern des Mitt­le­ren Wes­tens der Ver­ei­nig­ten Staa­ten wirk­lich etwas von dem, was jen­seits von New York und San Fran­zis­ko vor sich geht? Was ahnt ein Mann der eng­li­schen Mit­tel­klas­se von dem, was auf dem Fest­land drü­ben sich vor­be­rei­tet, um von der fran­zö­si­schen Pro­vinz zu schwei­gen? Was wis­sen sie alle von der Rich­tung, in wel­cher ihr eige­nes Schick­sal sich bewegt? Da ent­ste­hen lächer­li­che Schlag­wor­te wie Über­win­dung der Wirt­schafts­kri­se, Völ­ker­ver­stän­di­gung, natio­na­le Sicher­heit und Aut­ar­kie, um Kata­stro­phen im Umfang von Gene­ra­tio­nen durch pro­spe­ri­ty und Abrüs­tung zu »über­win­den«.

Aber ich rede hier von Deutsch­land, das im Sturm der Tat­sa­chen tie­fer bedroht ist als irgend­ein ande­res Land, des­sen Exis­tenz im erschre­cken­den Sin­ne des Wor­tes in Fra­ge steht. Wel­che Kurz­sich­tig­keit und geräusch­vol­le Flach­heit herr­schen hier, was für pro­vin­zia­le Stand­punk­te tau­chen auf, wenn von den größ­ten Pro­ble­men die Rede ist! Man grün­de inner­halb unse­rer Grenz­pfäh­le das Drit­te Reich oder den Sowjet­staat, schaf­fe das Heer ab oder das Eigen­tum, die Wirt­schafts­füh­rer oder die Land­wirt­schaft, man gebe den ein­zel­nen Län­der­chen mög­lichst viel Selb­stän­dig­keit oder besei­ti­ge sie, man las­se die alten Her­ren von der Indus­trie oder Ver­wal­tung wie­der im Sti­le von 1900 arbei­ten oder end­lich, man mache eine Revo­lu­ti­on, pro­kla­mie­re die Dik­ta­tur, zu der sich dann ein Dik­ta­tor schon fin­den wird vier Dut­zend Leu­te füh­len sich dem schon längst gewach­sen – und alles ist schön und gut.

Aber Deutsch­land ist kei­ne Insel. Kein zwei­tes Land ist in dem Gra­de han­delnd oder lei­dend in das Welt­schick­sal ver­floch­ten. Sei­ne geo­gra­phi­sche Lage allein, sein Man­gel an natür­li­chen Gren­zen ver­ur­tei­len es dazu. Im 18. und 19. Jahr­hun­dert war es »Mit­tel­eu­ro­pa«, im 20. ist es wie­der wie seit dem 13. Jahr­hun­dert ein Grenz­land gegen »Asi­en«, und nie­mand hat es nöti­ger, poli­tisch und wirt­schaft­lich weit über die Gren­zen hin­aus zu den­ken, als die Deut­schen. Alles was in der Fer­ne geschieht, zieht sei­ne Krei­se bis ins Inne­re Deutschlands.

Aber unse­re Ver­gan­gen­heit rächt sich, die­se 700 Jah­re jam­mer­vol­ler pro­vin­zia­ler Klein­staa­te­rei ohne einen Hauch von Grö­ße, ohne Ide­en, ohne Ziel. Das läßt sich nicht in zwei Gene­ra­tio­nen ein­ho­len. Und die Schöp­fung Bis­marcks hat­te den gro­ßen Feh­ler, das her­an­wach­sen­de Geschlecht nicht für die Tat­sa­chen der neu­en Form unse­res poli­ti­schen Lebens erzo­gen zu haben. Man sah sie, aber begriff sie nicht, eig­ne­te sie sich inner­lich mit ihren Hori­zon­ten, Pro­ble­men und neu­en Pflich­ten nicht an. Man leb­te nicht mit ihnen. Und der Durch­schnitts­deut­sche sah nach wie vor die Geschi­cke sei­nes gro­ßen Lan­des par­tei­mä­ßig und par­ti­ku­la­ris­tisch an, das heißt flach, eng, dumm, kräh­win­kel­haft. Die­ses klei­ne Den­ken begann, seit die Stau­fen­kai­ser mit ihrem Blick über das Mit­tel­meer hin und die Han­sa, die einst von der Schel­de bis Now­go­rod geherrscht hat­te, infol­ge des Man­gels an einer real­po­li­ti­schen Stüt­zung im Hin­ter­lan­de ande­ren, siche­rer gegrün­de­ten Mäch­ten erle­gen waren. Seit­dem sperr­te man sich in zahl­lo­se Vater­länd­chen und Win­kel­in­ter­es­sen ein, maß die Welt­ge­schich­te an deren Hori­zont und träum­te hun­gernd und arm­se­lig von einem Reich in den Wol­ken, wofür man das Wort Deut­scher Idea­lis­mus erfand. Zu die­sem klei­nen, inner­deut­schen Den­ken gehört noch fast alles, was an poli­ti­schen Idea­len und Uto­pi­en im Sumpf­bo­den des Wei­ma­rer Staa­tes auf­ge­schos­sen ist, all die inter­na­tio­na­len, kom­mu­nis­ti­schen, pazi­fis­ti­schen, ultra­mon­ta­nen, föde­ra­lis­ti­schen, »ari­schen« Wunsch­bil­der vom Sacrum Impe­ri­um, Sowjet­staat oder Drit­ten Reich. Alle Par­tei­en den­ken und han­deln so, als wenn Deutsch­land allein auf der Welt wäre. Die Gewerk­schaf­ten sehen nicht über die Indus­trie­ge­bie­te hin­aus. Kolo­ni­al­po­li­tik war ihnen von jeher ver­haßt, weil sie nicht in das Sche­ma des Klas­sen­kamp­fes paß­te. In ihrer dok­tri­nä­ren Beschränkt­heit begrei­fen sie nicht oder wol­len nicht begrei­fen, daß der wirt­schaft­li­che  Impe­ria­lis­mus der Zeit um 1900 gera­de für den Arbei­ter eine Vor­aus­set­zung sei­ner Exis­tenz war mit sei­ner Siche­rung von Absatz der Pro­duk­te und Gewin­nung von Roh­stof­fen, was der eng­li­sche Arbei­ter längst begrif­fen hat­te. Die deut­sche Demo­kra­tie schwärmt für Pazi­fis­mus und Abrüs­tung außer­halb der fran­zö­si­schen Macht­gren­zen. Die Föde­ra­lis­ten möch­ten das ohne­hin klei­ne Land wie­der in ein Bün­del von Zwerg­staa­ten ehe­ma­li­gen Geprä­ges ver­wan­deln und damit frem­den Mäch­ten Gele­gen­heit geben, den einen gegen den andern aus­zu­spie­len. Und die Natio­nal­so­zia­lis­ten glau­ben ohne und gegen die Welt fer­tig zu wer­den und ihre Luft­schlös­ser bau­en zu kön­nen, ohne eine min­des­tens schwei­gen­de aber sehr fühl­ba­re Gegen­wir­kung von außen her.“

Aus­zug aus: Oswald Speng­ler, Jah­re der Ent­schei­dung – Deutsch­land und die welt­ge­schicht­li­che Ent­wick­lung (1933, 131 S.) Down­load bei Archive.org


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