Frauen in Afghanistan
Sachsen | Zeitgeschehen

Eine Frage des Menschenbildes: Kein Burkaverbot in Sachsen 
Antrag vom Sächsischen Landtag abgelehnt

1. September 2017

Bay­erns Jus­tiz­mi­nis­ters Win­fried Bausback (CSU) ist der Mei­nung, dass die Voll­ver­schleie­rung nicht mit dem Men­schen­bild der Ver­fas­sung zu ver­ein­ba­ren sei. Durch den Gesichts­schlei­er wer­de die Frau nicht nur ihrer Indi­vi­dua­li­tät beraubt, auch Emo­tio­nen sei­en für den Gesprächs­part­ner nicht zu erken­nen. Des­halb kön­ne eine voll­ver­schlei­er­te Frau nicht in der übli­chen Wei­se mit ande­ren Men­schen – und die­se nicht mit ihr – kom­mu­ni­zie­ren. Gera­de die­se Kom­mu­ni­ka­ti­on gehö­re aber zum Wesen des frei­heit­lich-demo­kra­ti­schen Rechts­staa­tes.

Auch der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te – so der Minis­ter – habe ent­schie­den, dass es zum „Schutz der sozia­len Kom­mu­ni­ka­ti­on“ für den Staat einen gewis­sen Spiel­raum gäbe. Er hal­te ein Ver­bot der Voll­ver­schleie­rung des­halb für not­wen­dig und gerecht­fer­tigt. Bay­ern hat ab dem 1. August mit dem Gesetz über Ver­bo­te der Gesichts­ver­hül­lung vom 12. Juli 2017 (GVBl. S. 362) in Bay­ern Ver­schleie­rungs­ver­bo­te für Beam­te, an Hoch­schu­len und bei Hoch­schul­ver­an­stal­tun­gen, in Schu­len und bei Schul­ver­an­stal­tun­gen sowie für Mit­ar­bei­ter in Kitas und der Kin­der­ta­ges­pfle­ge ein­ge­führt.


- Anzei­ge -

Kri­ti­ker hal­ten der­ar­ti­ge Gesetz zwar für nicht durch­setz­bar über­flüs­sig. Ich sehe dar­in aller­dings viel mehr als nur das Ver­bot an sich: Der Rechts­staat defi­niert sei­ne Wer­te und macht deut­lich, was die Grund­la­ge des Mit­ein­an­ders in einer Demo­kra­tie aus­macht. Das ist auch nicht unver­hält­nis­mä­ßig, denn selbst der Koran schreibt die­se Art der Ver­schleie­rung, ja über­haupt kei­ne Ver­schleie­rung, son­dern nur züch­ti­ge Klei­dung vor.

So sieht man das auch in Öster­reich. Das Anti-Gesichts­ver­hül­lungs­ge­setz (AGes­VG, BGBl. I Nr. 682017) vom 8. Juni 2017 ist Teil des Inte­gra­ti­ons­pro­gramms. Des­halb geht man sogar noch deut­lich wei­ter: Wer sich ab dem 1. Okto­ber mit Voll­ver­schleie­rung in der Öffent­lich­keit zeigt, mit einer Geld­stra­fen von bis zu 150 Euro rech­nen.

Anti-Gesichts­ver­hül­lungs­ge­setz – AGes­VG
Ziel

§ 1. Zie­le die­ses Bun­des­ge­set­zes sind die För­de­rung von Inte­gra­ti­on durch die Stär­kung der Teil­ha­be an der Gesell­schaft und die Siche­rung des fried­li­chen Zusam­men­le­bens in Öster­reich. Inte­gra­ti­on ist ein gesamt­ge­sell­schaft­li­cher Pro­zess, des­sen Gelin­gen von der Mit­wir­kung aller in Öster­reich leben­den Men­schen abhängt und auf per­sön­li­cher Inter­ak­ti­on beruht.

Ver­schleie­rungs­ver­bo­te gibt es auch in Frank­reich (April 2011), den Nie­der­lan­den (Janu­ar 2012), im Schwei­zer Kan­ton Tes­sin (2013), in Tune­si­en, im Tschad (2015), in Kame­run, im Kon­go, in Gabun (2015), Bul­ga­ri­en (2016), Lett­land (2016). Nie­der­sach­sen unter­sagt die Voll­ver­schleie­rung an Schu­len.

Der säch­si­sche Land­tag hat­te am letz­ten Don­ners­tag über Ent­wurf eines „Säch­si­schen Geset­zes über das Ver­bot der Gesichts­ver­schleie­rung im öffent­li­chen Raum (Ver­schleie­rungs­ver­bots­ge­setz – Ver­schleie­rungs­VerbG)” (LT-Drs. 66124) zu befin­den, das sich offen­bar an den in Frank­reich und Öster­reich gel­ten­den Rege­lun­gen anlehnt. Es soll­te das „das Tra­gen einer Gesichts­ver­schleie­rung oder Gesichts­be­de­ckung im öffent­li­chen Raum soll unter­sagt wer­den,” sofern sie nicht zum Käl­te­schutz im Win­ter dient oder bei Volks­fes­ten oder Faschings­fei­ern getra­gen wird. Die Geld­stra­fe bei Zuwi­der­hand­lun­gen soll­te 200 Euro bis 5000 Euro betra­gen.  In der Begrün­dung heißt es:

„Die durch das Grund­ge­setz und die Säch­si­sche Ver­fas­sung begrün­de­te Wer­te­ord­nung ist die eines frei­en, offe­nen und demo­kra­ti­schen Lan­des. Wesent­li­ches Ele­ment die­ser Wer­te­ord­nung ist, dass sich die Men­schen frei und gleich­ran­gig begeg­nen und mit­ein­an­der in Kom­mu­ni­ka­ti­on tre­ten kön­nen. Dies beinhal­tet jedoch, dass sie ihr Gesicht zei­gen. Das Bede­cken des Gesichts beinhal­tet eine Absa­ge an unse­re Wer­te­ord­nung, da die eine sol­che Bede­ckung tra­gen­den Per­so­nen sich damit direkt von allen ande­ren Per­so­nen abgren­zen und signa­li­sie­ren, an die­ser frei­en und offe­nen Gesell­schaft nicht teil­ha­ben zu wol­len. Es ent­steht dadurch kei­ne gleich­wer­ti­ge Begeg­nungs­si­tua­ti­on mit den­je­ni­gen Men­schen, die sich ohne Gesichts­ver­schleie­rung oder Gesichts­be­de­ckung im öffent­li­chen Raum bewe­gen.”

Wer die Pres­se ver­folgt hat, weiß was auch schon, was im Land­tag pas­siert ist. Gegen 14 Stim­men  (der AfD) wur­de das Gesetz abge­lehnt. Begrün­dung: Im Pro­to­koll der Land­tags­sit­zung [Link wird nach­ge­reicht] und auch im Bericht des Innen­aus­schus­ses (LT-Drs. 610464) oder: Der Antrag kam von der AfD und des­halb muss­te es sich ja zwangs­läu­fig – so ein Aus­schuss­mit­glied der CDU –  „um einen popu­lis­ti­schen Schnell­schuss mit wenig Sorg­falt” han­deln. Dabei hät­te es die CDU in der Hand gehabt, es ihrer­seits mit einem eige­nen Antrag bes­ser zu machen und vor der Bun­des­tags­wahl ein poli­ti­sches Zei­chen zu set­zen.


- Anzei­ge -

CDU-Vize Julia Klöck­ner war näm­lich schon 2015 dafür, die Voll­ver­schleie­rung im öffent­li­chen Raum zu ver­bie­ten, da die­se ein bewuss­ter Akt der Abgren­zung, der Ableh­nung west­li­cher Wert­vor­stel­lun­gen und des Men­schen­bil­des des Grund­ge­set­zes sei und dem Grund­recht der Frau­en auf Gleich­be­rech­ti­gung ent­ge­gen­ste­he. In der Okto­ber­aus­ga­be 2015 des „Cice­ro” schreibt sie:

„Wer es ernst meint mit der Gleich­be­rech­ti­gung von Mann und Frau, der darf Voll­ver­schleie­rung hier­zu­lan­de nicht dul­den.“

Und auf dem CDU-Par­tei­tag im Dezem­ber 2016 tön­te selbst Ange­la Mer­kel (Focus Online) – gefolgt von lang­an­hal­ten­den Applaus und Gejoh­le:

„Die Voll­ver­schleie­rung muss ver­bo­ten wer­den, wo immer das recht­lich mög­lich ist.“

Bis­lang ist es aber auf Bun­des­ebe­ne nur bei hal­ben Sachen geblie­ben. Seit dem 15. Juni 2017 ist das Gesetz zu bereichs­spe­zi­fi­schen Rege­lun­gen der Gesichts­ver­hül­lung und zur Ände­rung wei­te­rer dienst­recht­li­cher Vor­schrif­ten (BGBl. 2017 I S. 1570) in Kraft. So  dür­fen u.a. Amts­per­so­nen und Sol­da­ten ist seit­dem die Gesichts­ver­hül­lung im Dienst (außer aus dienst­li­chen Grün­den) ver­bo­ten. Sol­da­ten sogar wäh­rend ihrer Frei­zeit. Auch Wahl­or­ga­ne dür­fen ihr Gesicht nicht ver­hül­len. Der Wahl­vor­stand auch vom Wäh­ler ver­lan­gen, sein Gesicht zu zei­gen, um ihn iden­ti­fi­zie­ren zu kön­nen und ggf. bei Wei­ge­rung die Stimm­ab­ga­be ver­wei­gern.

Lei­der geht die­se Rege­lung längst nicht weit genug, um die­se gesichts­lo­sen Frau­en vor sich selbst und ihren „Fami­li­en­ober­häup­tern” zu schüt­zen sowie uns vor ihrem, auf freie und gleich­be­rech­tig­te Men­schen pro­vo­zie­rend wir­ken­den Anblick zu bewah­ren.


Titel­fo­to: 45156207.jpg (Aus­schnitt) by MOD/​MOD, OGL, Link

Letz­te Aktua­li­sie­rung: 21. Jun 2018 @ 16:50

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