Eichel mit Ameise
Deutschland | Zeitgeschehen

Die Doppelmoral politischer Entsorgungsfachleute 
Warum nicht jeder das Gleiche sagen darf

30. August 2017

Letz­ten Mon­tag durf­te mein Fern­se­her mal wie­der: „Hart aber fair” und zwar allein wegen Alex­an­der Gau­land, Spit­zen­kan­di­dat der AfD zur Bun­des­tags­wahl. Das ver­sprach wenigs­tens mal etwas Unter­hal­tungs­wert. Ich gebe zu, der Mann sorgt für Kon­tro­ver­sen und man muss weder sei­ne Par­tei, sei­ne poli­ti­schen Aus­sa­gen noch ihn selbst mögen. Aber dar­um geht es gar nicht. Er weicht vom poli­ti­schen Ein­heits­ge­la­ber ab. Das macht die Sache inter­es­sant: Wie geht man unter dem Label „Demo­kra­tie” mit abwei­chen­den Mei­nun­gen um?


- Anzei­ge -

Zwar hat sich Herr Gau­land in der Sen­dung recht wacker geschla­gen, aber im Mit­tel­punkt stand weni­ger das The­ma des Abends, son­dern etwas ganz ande­res. Bei einer Wahl­kampf­ver­an­stal­tung am letz­ten Wochen­en­de im Eichs­feld hat­te sich näm­lich Gau­land u.a. mit Staats­mi­nis­te­rin Aydan Özoğuz (SPD) aus­ein­an­der­ge­setzt. Wört­lich sag­te er:

„Das sagt eine Deutsch-Tür­kin. Ladet sie mal ins Eichs­feld ein, und sagt ihr dann, was spe­zi­fisch deut­sche Kul­tur ist. Danach kommt sie hier nie wie­der her, und wir wer­den sie dann auch, Gott sei Dank, in Ana­to­li­en ent­sor­gen kön­nen.” (Video bei You­tube)

Zunächst mal hat er in der Sache Recht. Denn in all dem media­len Dau­er­feu­er ist der eigent­li­che Hin­ter­grund von Gau­lands miß­glück­ter Wort­wahl weit­ge­hend unter­ge­gan­gen: Özoğuz hat­te im Mai gegen­über dem „Tages­spie­gel” näm­lich behaup­tet, dass es abge­se­hen von der deut­schen Spra­che kei­ne spe­zi­fi­sche deut­sche Kul­tur gäbe:

„Eine spe­zi­fisch deut­sche Kul­tur ist, jen­seits der Spra­che, schlicht nicht iden­ti­fi­zier­bar.”

Nach mei­ner Auf­fas­sung ist das der eigent­li­che Skan­dal und es ist schon ein star­kes Stück, dass das so von der Kanz­le­rin, der Bun­des­re­gie­rung und den im Bun­des­tag ver­tre­ten Par­tei­en ein­fach so hin­ge­nom­men wird. Eine Minis­te­rin spricht Mil­lio­nen Men­schen ihre urei­ge­ne, über Gene­ra­tio­nen hin­weg gewach­se­ne Iden­ti­tät ab!!!

Die beson­de­re „Poin­te” dar­an ist – so die NZZ -, dass Frau Özoğuz das Amt der Inte­gra­ti­ons­mi­nis­te­rin inne hat. Inte­gra­ti­on setzt frei­lich vor­aus, die Mehr­heits­kul­tur zu respek­tie­ren und als sol­che anzu­er­ken­nen. Ansons­ten ist Inte­gra­ti­on eine Far­ce. Letzt­lich ist sie sowie­so nur eine Vor­stu­fe zur Assi­mi­la­ti­on. Ver­mei­den lässt sich das nicht.

[amazon_​link asins=‚3570553531,3865057411,B074CSC232,1545114838,B01N0EZYRU,B01LL99VJY,B00WQ5Z642‘ template=‚ProductCarousel‘ store=‚oletluce-21′ marketplace=‚DE‘ link_id=‚ea6da26f-93d5-11e7-8f2f-931cc96db9d7‘]

Daß es außer der Spra­che kei­ne deut­sche Kul­tur gäbe, ist natür­lich – mit Ver­laub gesagt – aus­ge­spro­che­ner Blöd­sinn. Wie es die deut­sche Spra­che trotz – oder viel­leicht gera­de wegen – ihrer zahl­rei­chen Dia­lek­te gibt, besteht auch die deut­sche Kul­tur (also die der sog. „Bio-Deut­schen”) aus vie­len kul­tu­rel­len Dia­lek­ten. Sie besit­zen aber eben­so wie die Spra­che einen prä­gen­den gemein­sa­men Nen­ner. Nichts ande­res gilt übri­gens auch für die tür­ki­sche Kul­tur und Spra­che, für die fran­zö­si­sche, japa­ni­sche und selbst die ame­ri­ka­ni­sche. Ein­flüs­se von außen hat es immer gege­ben. Über­all. Es wird sie auch immer geben. Doch wur­den sie in die Kul­tur auf­ge­nom­men, inkul­turiert, und haben deren Wesen zumeist berei­chert, aber nie in Fra­ge gestellt. Wer einem Volk sei­ne Kul­tur abspricht, soll­te sich mit dem Tat­be­stand der Volks­ver­het­zung ein­mal näher befas­sen.

Und was hat es nun mit dem Hype um das angeb­lich so böse Wort „ent­sor­gen” auf sich? Ganz ein­fach. Aus­ge­spro­chen däm­lich, aber ganz und gar nicht neu. Gleich zwei SPD-Genos­sen (Kahrs und Gabri­el) haben sich schon damit ver­sucht und die Pres­se hat auch eini­ge Übung dar­in.

Screenshot Twitter
Screen­shot Twit­ter

Von Sig­mar Gabri­el – mitt­ler­wei­le Außen­mi­nis­ter – war bereits 2012 im „Tages­spie­gel” die Äuße­rung zu lesen, dass SPD und Grü­nen sei­ner­zeit vor hat­ten, die Regie­rung Mer­kel „rück­stands­frei zu ent­sor­gen“. Er hat­te sogar die Hoff­nung „dass wir gute Chan­cen haben, das zu schaf­fen“.

Bloß hat das eben nie­man­den hin­term Ofen her­vor gelockt, weil man sei­ner­zeit kei­ne Muni­ti­on gegen die­se Per­so­nen benö­tigt hat. Bei Alex­an­der Gau­land und der AfD ist der Sach­ver­halt frei­lich ein ande­rer. Für ihn gel­ten ande­re Maß­stä­be des guten Geschmacks. Wenn eini­ge Genossen&Freunde jetzt ver­su­chen, ver­schie­de­ne Aus­sa­ge­wer­te die­ses „Ent­sor­gens” her­bei zu inter­pre­tie­ren, so ist das nur der lin­ki­sche Ver­such, vom eige­nen ver­ba­len Fehl­tritt in der Ver­gan­gen­heit abzu­len­ken. Wie durch­schau­bar. Alles nur Wahl­kampf.

Letz­te Aktua­li­sie­rung: 21. Jun 2018 @ 16:50

Ähn­li­che Bei­trä­ge: