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Säuberung einer Bestsellerliste 
Wie das Vertrauen in die Medien weiter sinkt

25. Juli 2017

In den letz­ten Tagen wur­de eif­rig über das Ver­schwin­den von „Finis Ger­ma­nia“ aus den Best­sel­ler­lis­ten spe­ku­liert. Ges­tern hat nun der Spie­gel – kon­kret die zur Spie­gel-Grup­pe gehö­ren­de Zeit­schrift „Buch­re­port“ – auf Anfra­ge von „Über­me­di­en” erst­mals Stel­lung bezo­gen. Das Ein­griff der Chef­re­dak­ti­on des SPIEGEL in die Best­sel­ler­lis­te sei der abso­lu­te Aus­nah­me­fall, weil man das Buch für anti­se­mi­tisch hal­te. Kon­kret heißt das so:

„Finis Ger­ma­nia war eine Woche auf der SPIE­GEL-Best­sel­ler­lis­te plat­ziert. Die Chef­re­dak­ti­on des SPIEGEL hat dar­auf­hin beschlos­sen, das Buch beim nächs­ten Mal von der Lis­te zu neh­men. Die Chef­re­dak­ti­on tut dies nur in abso­lu­ten Aus­nah­me­fäl­len, aber sie hält das Buch für klar anti­se­mi­tisch, hat dies auch bereits öffent­lich geäu­ßert und möch­te die Ver­brei­tung nicht unter­stüt­zen.“

War­um erfährt man die­se Beweg­grün­de erst jetzt, im Nach­hin­ein und auf Nach­fra­ge? Wenn der Spie­gel damit eines erreicht hat, dann ist es ein noch grö­ße­rer Bekannt­heits­grad für „Finis Ger­ma­nia”. Also genau das Gegen­teil von dem, was beab­sich­tigt war.

Was ist außer­dem eine Best­sel­ler­lis­te oder auch das Ran­king bei Ama­zon wert, wenn kon­trä­re und unlieb­sa­me Bücher dar­in kei­nen Platz haben? Wenn das Buch von Sie­fer­le wirk­lich ein so schlim­mes anti­se­mi­ti­sches Mach­werk ist, war­um wird das nicht klar und deut­lich der Leser­schaft publik gemacht. Und war­um bil­ligt man einem den­ken­den Men­schen nicht oben­drein zu, sich vor die­sem Hin­ter­grund nun selbst ein Bild zu machen?

Das Ver­trau­en in die Medi­en in die­sem Land ist seit der die Tat­sa­chen ver­zer­ren­den Bericht­erstat­tung zue Flücht­lings­kri­se 2015 erschüt­ter­te. Die all­zu augen­fäl­li­ge Geheim­ak­ti­on hat sicher­lich nicht dazu bei­getra­gen, ver­lo­re­nes Ver­trau­en wie­der her­zu­stel­len.

Vor einer Stun­de erschien – ganz frisch und der Tex­te war bis hier­her schon fer­tig – auch bei Spie­gel Online eine Erklä­rung des Vor­gangs und sei­ner Hin­ter­grün­de: „Finis Ger­ma­nia“ und die SPIE­GEL-Best­sel­ler­lis­te. Dar­in erfährt man nichts Neu­es, son­dern nur eine Bestä­ti­gung von dem, was wir sowie­so schon wuss­ten.

Wenn die Best­sel­ler­lis­te des SPIEGEL nun aber auf Ver­kaufs­zah­len beruht, müs­sen die schon beacht­lich gewe­sen sein, bevor Johan­nes Saltz­we­del das Buch auf die Best­sel­ler­lis­te brach­te. War­um trägt die Lis­te aber den Namen „Best­sel­ler­lis­te“, wenn Ver­kaufs­zah­len wohl doch nur eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le spie­len und der – auch poli­ti­sche – Geschmack der Jury im Vor­der­grund steht?

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