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Für alle und keine(n): die Ehe 
Die Kanzlerin stößt die eigene Partei vor den Kopf

29. Juni 2017

Mor­gen früh wird der Deut­sche Bun­des­tag über das sog. „Netz­werk­durch­su­chungs­ge­setz” (Netz­DG) bera­ten und es wahr­schein­lich auch beschlie­ßen. Was ich davon hal­te, habe ich bereits aus­führ­lich dar­ge­legt. Wir hat­ten in den letz­ten Wochen genü­gend Zeit, unse­re geball­te Wut zu kana­li­sie­ren und hand­fes­te ver­fas­sungs­recht­li­che Beden­ken zu for­mu­lie­ren.

Anders ver­hält es sich dage­gen mit einem ande­ren Mer­kel­schen Coup, der sich mor­gen in einem Gesetz zu mani­fes­tie­ren droht: die sog. „Ehe für alle”. Die­ses Gesetz­ge­bungs­vor­ha­ben hal­te ich nur viel bedeut­sa­mer als das Netz­DG, denn es wird eine Kul­tur­re­vo­lu­ti­on nach sich zie­hen und die Uni­on (CDU/​CSU) als eine ton­an­ge­ben­de poli­ti­sche Kraft in unse­rem Land nach­hal­tig und dau­er­haft beschä­di­gen.

Auf­ge­wach­sen mit Mut­ter und (Zieh-)Vater: Das Jesus­kind.

Was ist von der Idee einer „Ehe für alle” zu hal­ten? Kurz gesagt: Gar nichts! Mein Blog­ger-Kol­le­ge Josef Bordat hat des Pudels Kern getrof­fen, wenn er schreibt, was die For­de­rung nach einer „Ehe für alle” eigent­lich bedeu­tet:

„Das ist nicht nur der Abschied vom Natur­recht, wie es das christ­lich-abend­län­di­sche Den­ken ent­wi­ckelt hat, das im Ehe­kon­zept selbst­ver­ständ­lich auch die mit Lie­be und Ver­ant­wor­tung ver­bun­de­ne Bereit­schaft zur Annah­me leib­li­cher Nach­kom­men ver­or­tet, nein, das ist – wenn man es genau anschaut – eine Mogel­pa­ckung.”

Es ist rich­tig, dass ich künf­tig weder mei­ne Kat­ze, mei­ne Meer­schwein­chen, mei­ne (min­der­jäh­ri­ge) Toch­ter noch mei­ne Eltern – und schon gar nicht alle gleich­zei­tig – wer­de stan­des­amt­lich hei­ra­ten kön­nen. Auch nicht meh­re­re voll­jäh­ri­ge Frau­en und/​oder Män­ner und/​oder „Sons­ti­ge”. Aber alle die­se zuge­ge­be­ner­ma­ßen recht abstru­sen For­de­run­gen wären durch die Idee einer „Ehe für alle” abge­deckt und wer­den irgend­wann sicher auch erho­ben. In Indi­en wer­den selbst min­der­jäh­ri­ge Mäd­chen mit Hun­den ver­hei­ra­tet und in Kolum­bi­en wur­de kürz­lich erst eine „Homo-Ehe” zwi­schen drei Män­nern geschlos­sen, nach­dem schon 2015 in Bra­si­li­en drei Frau­en gehei­ra­tet hat­ten. Kann man in Groß­bri­tan­ni­en viel­leicht sogar einen Baum hei­ra­ten?

Was unter­schei­det nun die Ehe, so wie ich sie ver­ste­he, von der „Ehe für alle”? Als einer der ers­ten und ent­schie­dens­ten Geg­ner die­ser wahn­wit­zi­gen Idee hat sich der bei der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz für Ehe und Fami­lie zustän­di­ge Ber­li­ner Erz­bi­schof Hei­ner Koch sehr deut­lich erklärt:

„Anders als die Ehe kann die ein­ge­tra­ge­ne Lebens­part­ner­schaft aus sich her­aus kei­ne Kin­der her­vor­brin­gen“. „In die­sem Sin­ne hat auch Papst Fran­zis­kus in sei­nem Schrei­ben Amo­ris Lae­ti­tia fest­ge­hal­ten, dass Part­ner­schaf­ten von Per­so­nen glei­chen Geschlechts nicht ein­fach mit der Ehe gleich­ge­stellt wer­den kön­nen, weil ihnen die Wei­ter­ga­be des Lebens ver­schlos­sen ist, die die Zukunft der Gesell­schaft sichert.“ (Quel­le: FAZ)

So sieht es auch – jeden­falls bis­her – das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in den Urtei­len vom 17. Juli 2002 (Nor­men­kon­troll­ver­fah­ren):

„Zum Gehalt der Ehe, wie er sich unge­ach­tet des gesell­schaft­li­chen Wan­dels und der damit ein­her­ge­hen­den Ände­run­gen ihrer recht­li­chen Gestal­tung bewahrt und durch das Grund­ge­setz sei­ne Prä­gung bekom­men hat, gehört, dass sie die Ver­ei­ni­gung eines Man­nes mit einer Frau zu einer auf Dau­er ange­leg­ten Lebens­ge­mein­schaft ist, begrün­det auf frei­em Ent­schluss unter Mit­wir­kung des Staa­tes (…), in der Mann und Frau in gleich­be­rech­tig­ter Part­ner­schaft zuein­an­der ste­hen (…) und über die Aus­ge­stal­tung ihres Zusam­men­le­bens frei ent­schei­den kön­nen (…).”

…und vom 9. Juni 2012 :

„Das Grund­ge­setz stellt in Art. 6 Abs. 1 Ehe und Fami­lie unter den beson­de­ren Schutz der staat­li­chen Ord­nung. Damit garan­tiert die Ver­fas­sung nicht nur das Insti­tut der Ehe, son­dern gebie­tet als ver­bind­li­che Wert­ent­schei­dung für den gesam­ten Bereich des Ehe und Fami­lie betref­fen­den pri­va­ten und öffent­li­chen Rechts einen beson­de­ren Schutz durch die staat­li­che Ord­nung (…). Die Ehe als allein der Ver­bin­dung zwi­schen Mann und Frau vor­be­hal­te­nes Insti­tut (…) erfährt durch Art. 6 Abs. 1 GG einen eigen­stän­di­gen ver­fas­sungs­recht­li­chen Schutz. Um die­sem Schutz­auf­trag Genü­ge zu tun, ist es ins­be­son­de­re Auf­ga­be des Staa­tes, alles zu unter­las­sen, was die Ehe beschä­digt oder sonst beein­träch­tigt, und sie durch geeig­ne­te Maß­nah­men zu för­dern (…).

Wegen des ver­fas­sungs­recht­li­chen Schutz- und För­der­auf­tra­ges ist der Gesetz­ge­ber grund­sätz­lich berech­tigt, die Ehe als recht­lich ver­bind­li­che und in beson­de­rer Wei­se mit gegen­sei­ti­gen Ein­stands­pflich­ten (etwa bei Krank­heit oder Mit­tel­lo­sig­keit) aus­ge­stat­te­te dau­er­haf­te Paar­be­zie­hung gegen­über ande­ren Lebens­for­men zu begüns­ti­gen (…).”

„Dane­ben gestat­tet Art. 6 Abs. 1 GG dem Gesetz­ge­ber aber auch, die beson­de­ren, auch gesamt­ge­sell­schaft­lich dien­li­chen Las­ten, die jeder Ehe­gat­te mit dem Ein­ge­hen der Ehe über­nimmt, durch die Gewäh­rung ein­fach­ge­setz­li­cher Pri­vi­le­gie­run­gen etwa bei Unter­halt, Ver­sor­gung, im Pflicht­teils- oder im Steu­er­recht zumin­dest teil­wei­se aus­zu­glei­chen und damit die Ehe bes­ser zu stel­len als weni­ger ver­bind­li­che Paar­be­zie­hun­gen. Er darf dar­über hin­aus berück­sich­ti­gen, dass die Ehe nach wie vor in signi­fi­kan­tem Umfang Grund­la­ge für ein ‚behü­te­tes’ Auf­wach­sen von Kin­dern ist.”

#szdlab
#szd­lab

Und wel­che Gefah­ren bringt die­se Abstim­mung für die Uni­on, vor allem für die CDU, mit sich? Bereits im Zuge der Flücht­lings­kri­se hat die Par­tei nicht wenig Mit­glie­der und dar­un­ter nicht weni­ge klu­ge Köp­fe ver­lo­ren. Mitt­ler­wei­le sind eini­ge von ihnen bei der AfD aktiv. Wer trotz­dem geblie­ben ist und hoff­te durch demo­kra­ti­sche Pro­zes­se inner­halb der Par­tei die Kar­re wie­der aus dem Dreck zu bekom­men, wur­de nun nach­hal­tig vor den Kopf gesto­ßen. Die CDU hat eine Kanz­le­rin und zugleich Par­tei­vor­sit­zen­de, die sich nicht ein­mal um die Mei­nung der eige­nen Bun­des­tags­frak­ti­on schert, geschwei­ge denn um die der Par­tei­ba­sis. Was ist pas­siert?

Ange­la Mer­kel hat der Zeit­schrift „Bri­git­te” am Mon­tag (26.6.) ein Inter­view gege­ben und dort auf Nach­fra­ge die Ent­schei­dung über eine „Ehe für alle” zur Gewis­sens­ent­schei­dung erklärt und den „Frak­ti­ons­zwang” für die Abstim­mung im Bun­des­tag auf­ge­ho­ben. Da nun aber SPD, Grün­de und Lin­ke eine Mehr­heit haben und es auch in der CDU/C­SU-Frak­ti­on eini­ge Umfal­ler geben wird (etwa Jens Spahn, ), dürf­te die Mehr­heit im Bun­des­tag sicher sein. Eini­ge Frak­ti­ons­mit­glie­der sind sau­er auf die Kanz­le­rin und sol­len ihrem Unmut bereits deut­lich Luft gemacht haben. Da steht zum Einen eine tief­grei­fen­de Ent­schei­dung an, die dann, ohne vor­he­ri­ge Bera­tung in der Frak­ti­on, ein­fach vor­weg­ge­nom­men wird?

Kat­rin Alb­stei­ger, MdB, ist eine der (CSU-)Abgeordneten, die sich bereits in einer öffent­li­chen Erklä­rung posi­tio­niert hat. Sie hält es für inak­zep­ta­bel, in so kur­zer Zeit eine Ent­schei­dung zu tref­fen, die eine Grund­ge­setz­än­de­rung erfor­de­re. Außer­dem ste­he die „Ehe für alle” im Wider­spruch zum Grund­satz­pro­gramm der CSU. Einen Schul­di­gen, der die Uni­on hin­ter die Fich­te geführt habe, benennt sie auch:

„Auf eine Debat­te dazu wür­de ich mich ger­ne ein­las­sen. Dann muss die­se aber auch statt­fin­den. Wer den Gang der Gesetz­ge­bung kennt, der weiß, dass es meist vie­le Mona­te, oft meh­re­re Jah­re dau­ert, bis die­ser Pro­zess abge­schlos­sen ist. Eine Abstim­mung noch die­se Woche lässt die not­wen­di­ge Debat­te schlicht nicht zu, weil die SPD die Über­rum­pe­lungs­tak­tik gewählt hat. Der Grund ist sim­pel: Der lah­me SPD-Wahl­kampf des Schein­rie­sen Schulz brauch­te einen PR-Gag, für den nun das Par­la­ment her­hal­ten muss.”

Ich bin der Mei­nung, dass hier die SPD nur auf einen schon rol­len­den Zug auf­ge­sprun­gen ist. Tat­säch­lich wur­de näm­lich sei­tens der Kanz­le­rin die Gele­gen­heit beim Schopf ergrif­fen, um eine sich bereits jetzt abzeich­nen­des Hin­der­nis einer künf­ti­gen Schwarz-Grü­nen, Schwarz-Gelb-Grün­den oder auch Schwarz-Roten Koali­ti­on schon vor­ab mit einem Feder­strich aus der Welt zu schaf­fen. Die eige­ne Wie­der­wahl zur Kanz­le­rin und damit der Erhalt der eige­nen Macht, kos­ten eben, was er wol­le. Offen­bar sind die ernst­haf­ten Gewis­sens­bis­se ihrer Par­tei­freun­de nicht die ihren. Statt­des­sen sieht man prin­zi­pi­en­lo­ses Macht­kal­kül. Das wird sich über kurz oder lang rächen. Denk­bar sind hier ver­schie­de­ne Sze­na­ri­en:

  1. Der Wäh­ler zieht die Reiß­lei­ne und wählt die Kanz­le­rin am 27. Sep­tem­ber ab (unwahr­schein­lich).
  2. Die Vor­sit­zen­de fällt bei der eige­nen Par­tei durch (vor­läu­fig noch nicht zu erwar­ten).
  3. Das christ­lich-kon­ser­va­ti­ve Ele­ment in der CDU wird wei­ter mar­gi­na­li­siert und aus der Par­tei gedrängt (ist zu befürch­ten).
  4. Die CDU ver­liert wei­ter an Pro­fil und Allein­stel­lungs­merk­ma­len gegen­über den SPD, FDP und Grü­nen (wird wohl so kom­men).
  5. Die AfD kann sich ein­mal mehr über neue Wäh­ler, Mit­glie­der und allein besetz­te The­men freu­en (Der Sekt ist sicher schon kalt gestellt.)

Ein Bei­trag von Alex­an­der Kiss­ler im „Cice­ro” mit dem Titel „Staat, Par­tei, einer­lei” rief bei mir gewis­se Asso­zia­tio­nen her­vor. Der zitiert dort näm­lich ein Spie­gel-Inter­view mit Peter Slo­ter­di­jk (kos­ten­pflich­tig), der

„den Begriff Demo­kra­tie ‚eine Fehl- oder Deck­be­zeich­nung’ genannt hat „für Struk­tu­ren der Macht­aus­übung“. Die ‚Oli­go­kra­tie’, die Herr­schaft der Weni­gen, sei ‚das gro­ße Betriebs­ge­heim­nis poli­ti­scher Struk­tu­ren, die sich als demo­kra­tisch aus­ge­ben.’ Nicht die Vie­len, son­dern die Weni­gen regier­ten. Manch­mal wer­den im Sou­ter­rain des demo­kra­ti­schen Betriebs Gewis­sen ver­wal­tet, die der Regen­tin als Joker die­nen im Tages­ge­schäft. Und wenn sie nicht ver­duns­tet sind, dann zie­hen sie noch heu­te durch die Gän­ge und Flu­re des Bun­des­ta­ges.”

Jeden­falls weiß ich, was ich im Urlaub lesen wer­de. Ich habe das Buch – Edgar Juli­us Jung ver­öf­fent­lich­te es 1927 – schon aus dem Bücher­re­gal gezo­gen. Auch Robert Michels „Zur Sozio­lo­gie des Par­tei­we­sens in der moder­nen Demo­kra­tie” und Gaeta­no Mos­ca „Theo­rie der Herr­schafts­for­men und über den Par­la­men­ta­ris­mus” wür­den hier gut pas­sen. Nur mal so als Emp­feh­lung und zur per­sön­li­chen Vor­be­rei­tung auf die Bun­des­tags­wahl.

P.S.: Für die Noch-Nicht­wis­sen­den: Der Titel des besag­ten Buches von E.J.J. heißt „Die Herr­schaft der Min­der­erti­gen”.

Letz­te Aktua­li­sie­rung: 21. Jun 2018 @ 16:37

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