Eichel mit Ameise
Zeitgeschehen

Merkels Kollateralschaden [NetzDG]
Die letzten Beschlüsse des Bundestages sägen an den Grundfesten unserer Werteordnung

28. Juni 2017

Es ist wie­der Som­mer! Urlaubs­stim­mung macht sich breit und wir zäh­len die Tage, bis wir end­lich wie­der ein­mal für kur­ze Zeit dem All­tag ent­flie­hen kön­nen. Auch das poli­ti­sche Ber­lin macht bald Feri­en. Genau gesagt: Der Deut­sche Bun­des­tag star­tet Ende Juli in die Som­mer­pau­se. Dies­mal endet damit auch die Legis­la­tur­pe­ri­ode. Die letz­ten Tages­ord­nun­gen sind voll. Schnell soll noch das eine oder ande­re Gesetz beschlos­sen wer­den. Denn was am Ende einer Legis­la­tur nicht zu Ende bera­ten wur­de, endet im par­la­men­ta­ri­schen Papier­korb. Das Par­la­ment, das nach der Bun­des­tags­wahl im Sep­tem­ber zusam­men­tre­ten wird, muss mit der Arbeit wie­der vor vorn begin­nen.

Wor­um soll es also an den letz­ten Sit­zungs­ta­gen im Bun­des­tag gehen?

Mein abso­lu­ter „Favo­rit”: Das sog. „Netz­werk­durch­su­chungs­ge­setz“ (Netz­DGBun­des­tags­druck­sa­che 1812727) wur­de von Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Hei­ko Maas (SPD) groß und breit in den Medi­en ange­kün­digt und bewor­ben. Es hat ein hee­res Ziel: Het­ze und straf­ba­re Inhal­te in sozia­len Medi­en sol­len ein­ge­dämmt wer­den. Kon­kret geht es um Face­book und Twit­ter. Das Gesetz soll aber für alle sozia­len Netz­wer­ke (im wei­tes­ten Sin­ne) gel­ten, die mehr als zwei Mil­lio­nen inlän­di­sche Nut­zer haben. Die Betrei­ber habe 24 Stun­den und bei kom­pli­zier­te­ren Sach­la­gen 7 Tage Zeit, um offen­sicht­lich rechts­wid­ri­ge bzw. rechts­wid­ri­ge Inhal­te zu löschen. Ansons­ten droht eine Stra­fe von bis zu 50 Mil­lio­nen Euro.


- Anzei­ge -

Neh­men wir mal an, ich wür­de ein der­ar­ti­ge sozia­les Netz­werk betrei­ben. Was wür­de ich tun? Ich wür­de mich 24 Stun­den an mei­nen Rech­ner set­zen, den Fin­ger auf die „Entf“-Taste kle­ben und alles wahl­los löschen, was auch nur im ent­fern­tes­ten Anstoß erre­gen könn­te. Da ich zwi­schen­durch auch mal Schlaf benö­ti­ge und die Flut an Pos­tings gar nicht allein lesen kann, wür­de ich mir ein paar schlecht bezahl­te Hilfs­kräf­te dazu holen und außer­dem einen Algo­rith­mus pro­gram­mie­ren las­sen, der Bei­trä­ge mit bestimm­ten Merk­ma­len gleich auto­ma­tisch löscht. Wenn dabei zu viel gelöscht wird, ist das nicht schlimm, denn die betrof­fe­nen Nut­zer kön­nen sich sowie­so nicht dage­gen weh­ren. Und ich will ja eh nur deren per­sön­li­che Daten abgrei­fen, um sie für viel Geld zu ver­klop­pen.

Ich fin­de die­se Vor­stel­lung ziem­lich mies. Ihr auch? Nun, der Bun­des­rat hat­te auch Bauch­schmer­zen und mach­te das in sei­ner Stel­lung­nah­me vom 2. Juni (Bun­des­rats­druck­sa­che 31517) auch deut­lich:

„Der­zeit sind sozia­le Netz­wer­ke im Rah­men der Pri­vat­au­to­no­mie weit­ge­hend frei in ihrer Ent­schei­dung, Inhal­te zu löschen oder sogar den Nut­zungs­ver­trag mit Nut­ze­rin­nen und Nut­zern zu kün­di­gen. Zusätz­lich birgt die erheb­li­che Buß­geld­be­weh­rung (§ 4 Absatz 2 Netz­DG-E) das Risi­ko, dass sozia­le Netz­wer­ke als soge­nann­ter chil­ling effect ver­lei­tet wer­den, Inhal­te vor­sorg­lich zu löschen, um nicht gege­be­nen­falls eine Ord­nungs­wid­rig­keit im Sin­ne von § 4 Absatz 1 Netz­DG-E zu bege­hen, soweit sie einen Inhalt als nicht straf­bar im Sin­ne des Netz­DG ein­schät­zen und des­halb nicht löschen. Der Bun­des­rat bit­tet, im wei­te­ren Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren zu prü­fen, wie ein dis­kri­mi­nie­rungs­frei­er Zugang zu sozia­len Netz­wer­ken gewähr­leis­tet und einer vor­sorg­li­chen Löschung von Inhal­ten, die nicht offen­sicht­lich rechts­wid­rig sind, wirk­sam ent­ge­gen­ge­wirkt wer­den kann.“

Kri­ti­siert wird auch, dass zwar die Netz­werk­be­trei­ber die Mög­lich­keit bekom­men, gegen eine Bus­gel­d­ent­schei­dung gericht­lich vor­zu­ge­hen. Die Nut­zer haben aber kei­ne Mög­lich­keit, sich gegen das Löschen ihrer Bei­trä­ge zu weh­ren und deren etwai­ge Rechts­wir­dri­ge­keit gericht­lich prü­fen zu las­sen. Kon­kret wird auch die Ein­rich­tung einer Clea­ring­stel­le für Nut­zer­be­schwer­den geor­dert. Begrün­dung:

„Auf­grund der Buß­geld­be­weh­rung in § 4 Netz­DG-E droht die Gefahr eines soge­nann­ten „Over­blocking“. Platt­form­be­trei­ber könn­ten sich zur Ver­mei­dung von Buß­gel­dern ver­an­lasst sehen, bei Zwei­feln über die Rechts­wid­rig­keit von Inhal­ten vor­schnell eine Löschung vor­zu­neh­men, aus der sich kei­ner­lei Sank­tio­nen erge­ben kön­nen, als zu ris­kie­ren, dass die Nicht­lö­schung als Indiz für die Nicht­er­fül­lung ihrer Über­wa­chungs­pflicht mit der Fol­ge der Ver­hän­gung hoher Buß­gel­der her­an­ge­zo­gen wer­den kann.

Der­je­ni­ge, der einen recht­mä­ßi­gen Inhalt in das sozia­le Netz­werk ein­ge­stellt hat, hat im Fal­le der Löschung kei­ne recht­li­che Mög­lich­keit, hier­ge­gen vor­zu­ge­hen. Zwar kann ein Platt­form­be­trei­ber nicht gesetz­lich ver­pflich­tet wer­den, bestimm­te Inhal­te Drit­ter zu ver­brei­ten. Für den Betrof­fe­nen, der sich der Löschung eines recht­mä­ßi­gen Inhalts aus­ge­setzt sieht, ist die Situa­ti­on aber unbe­frie­di­gend und es droht eine Gefahr für die Mei­nungs­äu­ße­rungs­frei­heit (Arti­kel 5 Absatz 1 Satz 1 des Grund­ge­set­zes). Daher erscheint es erwä­gens­wert, die Platt­form­be­trei­ber zu ver­pflich­ten, auf ihre Kos­ten eine Clea­ring­stel­le ein­zu­rich­ten, bei der von einer Löschung Betrof­fe­ne Ihre Beschwer­den vor­brin­gen und ins­be­son­de­re den Nach­weis der Recht­mä­ßig­keit ihrer Äuße­rung füh­ren kön­nen. Dies erscheint ins­be­son­de­re auf­grund der durch die Buß­geld­be­weh­rung des Netz­DG-E geschaf­fe­nen Gefah­ren für die Mei­nungs­äu­ße­rungs­frei­heit (Arti­kel 5 Absatz 1 Satz 1 des Grund­ge­set­zes) ange­zeigt.“

Heu­te fand ich via Twit­ter ein aktu­el­les Bei­spiel für „Over­blocking“:

Dass das Gesetz ins­ge­samt grot­ten­schlecht, poten­ti­ell ein Fall für Karls­ru­he und außer­dem sogar gefähr­lich für unse­re Demo­kra­tie ist, bemän­geln ech­te und selbst­er­nann­te Fach­leu­te jeg­lich Cou­leur und Tei­le der Medi­en eben­so, wie die vom Bun­des­tag am 19. Juni in der Anhö­rung zu Rate gezo­ge­ne Exper­ten. Beden­ken kom­men von der EU-Kom­mis­si­on – die nicht gegen das Gesetz unter­neh­men will, um nicht in den deut­schen Wahl­kampf ein­zu­grei­fen – und dem UNO-Son­der­be­richt­erstat­ter für Mei­nungs­frei­heit.

Eine Stu­die des „Oxford Inter­net Insti­tuts“ rückt die deut­schen Geset­zes­plä­ne sogar in die Nähe chi­ne­si­scher Zen­sur­po­li­tik und erblockt dar­in einen grund­le­gen­den Wider­spruch zu allen demo­kra­ti­schen Prin­zi­pi­en. In Chi­na wer­de bereits jetzt erfolg­reich ein Sys­tem „frei­wil­li­gen“ Selbst­zen­sur prak­ti­ziert, und zwar das der­zeit effi­zi­en­tes­te über­haupt. Chi­na blo­ckie­re nicht nur den Zugang zu zahl­rei­chen aus­län­di­schen Web­sites, es zen­sie­re auch die  im eige­nen Land online gestell­ten Inhal­te. Die Unter­neh­men haben dort selbst dafür Sor­ge zu tra­gen, dass sich kein uner­wünsch­tes Wort auf ihren Inter­net­an­ge­bo­ten breit machen kann:

„In Chi­na, soci­al media com­pa­nies are held respon­si­ble for moni­to­ring the lega­li­ty of the con­tent posted on them. They employ a lar­ge num­ber of cen­sors and collect iden­ti­ty data on regis­te­red users in order to achie­ve the­se aims (…). Sen­si­ti­ve topics and attempts at online pro­test are hea­vi­ly cen­so­red online (…). The messa­ges that inter­net users recei­ve from both the sta­te and online plat­forms empha­si­zes that the inter­net is not a place for free speech and that ins­te­ad users in their online actions need to be cognizant of the sta­te-set ideo­lo­gi­cal prio­ri­ties of socie­ty and the effects of their online actions (…).”

„The case of Chi­na pres­ents several les­sons for Wes­tern demo­cra­ci­es loo­king to tack­le “fake news”, bots and other hall­marks of com­pu­ta­tio­nal pro­pa­gan­da. First­ly, the Chi­ne­se state’s active efforts to con­trol online infor­ma­ti­on are remi­nis­cent of many of the stra­te­gies cur­r­ent­ly pro­po­sed to com­bat com­pu­ta­tio­nal pro­pa­gan­da in the West. The­se stra­te­gies have been rela­tively suc­cess­ful in con­trol­ling the online infor­ma­ti­on envi­ron­ment, but their employ­ment would run coun­ter to demo­cra­tic princi­ples. It may, howe­ver, be pos­si­ble to learn from the tech­no­lo­gi­cal, legis­la­ti­ve and prac­tical suc­ces­ses of Chi­ne­se com­pu­ta­tio­nal pro­pa­gan­da, without ten­ding towards aut­ho­ri­ta­ria­nism.” (Quel­le – pdf)

Dar­über hin­aus hat der Geset­zen­wurf noch wei­te­re Bau­stel­len:

  • gro­be hand­werk­lich Feh­ler: unzu­rei­chen­de Abschät­zung der finan­zi­el­len Fol­gen, unge­klär­tes Ver­hält­nis zum Tele­me­di­en­ge­setz, gar nicht oder unsau­ber defi­nier­te Begrif­fe
  • unvoll­stän­di­ge und z.T. unsin­ni­ge Aus­wahl der her­an­zu­zie­hen­den Straf­tat­be­stän­de, z.B. ist § 80a StGB (Auf­sta­cheln zum Ver­bre­chen der Aggres­si­on) nicht ein­mal erfasst.
  • nicht vom Bun­de­trat ange­spro­chen: grund­sätz­li­ches Pro­blem der Pri­va­ti­sie­rung staat­li­cher Rechts­durch­set­zung, indem die Ent­schei­dung über die Rechts­wid­rig­keit von der Jus­tiz auf Pri­va­te aus­ge­la­gert wird

Zwar wur­den jetzt noch kurz­fris­tig ein paar die­ser gro­ben Schnit­zer im Gesetz­ent­wurf halb­her­zig gekit­tet und damit wahr­schein­lich auch die kri­ti­schen Stim­men beim Koali­ti­ons­part­ner CDU/​CSU zum Schwei­gen gebracht. Auch der über­ar­bei­te­te Ent­wurf unter­gräbt nach wie vor die Fun­da­men­te des Rechts­staa­tes. Selbst wenn es ihnen nun leich­ter gemacht wird, sol­len wei­ter­hin Pri­va­te staat­li­ches Recht durch­set­zen und über die Rechts­mä­ßig­keit von Inhal­ten im Inter­net befin­den. Genau das muss aber den Gerich­ten vor­be­hal­ten blei­ben. Mit ein paar neu­en Stel­len bei den Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den und Gerich­ten wäre der Sache dem­nach mehr gehol­fen.

Das Netz­werk­durch­su­chungs­ge­setz wäre nicht das ers­te Gesetz, dass dem prü­fen­den Blick der Karls­ru­her Ver­fas­sungs­rich­ter nicht stand­hal­ten kann. Die­ses Gesetz darf es nicht geben, denn unge­ach­tet aller guten Absich­ten taugt es zum Mund­tot­ma­chen miss­lie­bi­ger Mei­nun­gen und als Instru­ment der Umer­zie­hung: Kommt der Tag, an dem alle nicht-„gegenderten” Tex­te – wie die­ser hier – gelöscht wer­den?

Zum Wei­ter­le­sen:

P.S.: Der nächs­te Auf­re­ger ist jetzt noch kurz­fris­tig auf die Tages­ord­nung am Frei­tag gesetzt wor­den. Die sog. „Ehe für alle”. Wobei es dar­um wirk­lich geht, wer­de ich euch in den nächs­ten Tagen schrei­ben.

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