Kartoffeln
Essen&Trinken

Ab in die Tonne?! – Warum so viele Lebensmittel verschwendet werden und was man dagegen tun kann
Neue „Kartoffelstudie” des WWF

26. Januar 2017

Heu­te war in so ziem­lich allen Medi­en über die „Kar­tof­fel­stu­die” des WWF zu lesen/​hören. Danach wer­den allein in Deutsch­land jedes Jahr 1,5 Mil­lio­nen Ton­nen Kar­tof­feln weg­ge­wor­fen. Wenn man vom durch­schnitt­li­chen Kar­tof­fel­ver­brauch jedes Deut­schen aus­geht, der im Jahr 60 kg beträgt, könn­ten davon 25 Mil­lio­nen Men­schen ein Jahr lang mit Kar­tof­feln ver­sorgt wer­den. Also – in etwa – ganz Nord­ko­rea, Mosam­bik, Kame­run oder Mada­gas­kar! So vie­le Kar­tof­feln ver­put­zen auch die Ein­woh­ner von Baden-Würt­tem­berg, Bay­ern und Ber­lin zusam­men!

Was passiert mit diesen Kartoffeln? Und warum will sie niemand haben?

Die Qua­li­täts­an­for­de­run­gen an (Speise-)Kartoffeln wer­den in Deutsch­land der­zeit in der Ber­li­ner Ver­ein­ba­run­gen (BV) gere­gelt. Das ist eine von den Spit­zen­ver­bän­den der Deut­schen Kar­tof­fel­wirt­schaft erar­bei­te­te, frei­wil­li­ge Rege­lung. Auf den Kar­tof­fel­ver­pa­ckun­gen ist übli­cher­wei­se ein Hin­weis auf die­se Ver­ein­ba­rung zu fin­den.

Die gesetz­li­chen Vor­ga­ben in die­sem Bereich (die alten „Han­dels­klas­sen”) sind durch die „Ver­ord­nung über EG-Nor­men für Obst und Gemü­se und zur Auf­he­bung von Vor­schrif­ten im Bereich Obst und Gemü­se“ vom 10. Juni 2009 außer Kraft gesetzt wor­den. Die­se Ver­ord­nung regelt in ihrer aktu­el­len Fas­sung zugleich spe­zi­el­le Ver­mark­tungs­nor­men für 10 Erzeug­nis­se:

  • Äpfel
  • Zitrus­früch­te
  • Kiwis
  • Sala­te, krau­se Endi­vie und Eska­ri­ol
  • Pfir­si­che und Nek­ta­ri­nen
  • Bir­nen
  • Erd­bee­ren
  • Gemü­se­pa­pri­ka
  • Tafel­trau­ben
  • Toma­ten

Bis ins Detail und bezo­gen auf die Sor­te sind Aus­se­hen, Zustand, Grö­ße, Gewicht, zuläs­si­ge Schä­den und Schön­heits­feh­ler etc. fest­ge­legt. Nur wenn die­se Erzeug­nis­se  aus­drück­lich zur Ver­ar­bei­tung oder als Tier­fut­ter vor­ge­se­hen sind, kön­nen die natio­na­len Behör­den Aus­nah­men von die­sen spe­zi­el­len Ver­mark­tungs­nor­men bestim­men.

Obst und Gemü­se, das von kei­ner spe­zi­el­le Ver­mark­tungs­norm erfasst wird, unter­liegt ent­we­der der jewei­li­gen UNE­CE-Norm oder (wahl­wei­se)  der all­ge­mei­nen Norm. Das sind: Apri­ko­sen, Arti­scho­cken, Spar­gel, Auber­gi­nen, Avo­ca­dos, Boh­nen, Rosen­kohl, Möh­ren, Blu­men­kohl, Kir­schen, Zuc­chi­ni, Gur­ken, Kul­tur­ch­am­pi­gnons, Knob­lauch, Hasel­nüs­se in der Scha­le, Kopf­kohl, Lauch, Melo­nen, Zwie­beln, Erb­sen, Pflau­men, Bleich­sel­le­rie, Spi­nat, Wal­nüs­se in der Scha­le, Was­ser­me­lo­nen und Chi­co­rée.

Die all­ge­mei­ne Ver­mark­tungs­norm ver­langt nur, dass das Pro­dukt „in ein­wand­frei­em Zustand, unver­fälscht und von ver­markt­ba­rer Qua­li­tät“ ist.

Damit will ich es an die­ser Stel­le mit dem EU-Lebens­mit­tel­recht bewen­den las­sen, denn ich hat­te nicht vor, ein Lehr­buch dar­über zu schrei­ben. 😉 Es soll­te aber klar sein, das ein erheb­li­cher Teil der Ern­te den EU-Nor­men nicht ent­spricht. Stol­ze Hob­by­gärt­ner wür­de die­se Früch­te frei­lich ohne Mur­ren essen, da sie nach gesun­dem Men­schen­ver­stand pro­blem­los genieß­bar sind. Not­falls wird er z.B. Mar­me­la­de, Apfel­mus oder Toma­ten­so­ße dar­aus kochen. Schäd­lin­ge, Krank­hei­ten und fal­sche Lage­rung kön­nen aber auch Ursa­che für Ver­lus­te sein. Völ­lig ver­mei­den las­sen wird er sich nicht.

Doch wie­der ran an die Kar­tof­feln. Ich stel­le mit jetzt einen Eimer Kar­tof­feln vor, wie ich ihn im Gar­ten ern­te: Was wird wohl davon übrig blei­ben, wenn man die übli­chen Anfor­de­run­gen des Han­dels an Spei­se­kar­tof­feln anwen­det? Da sind näm­lich vor allem opti­sche Kri­te­ri­en wich­tig:

  • eiför­mi­ges Aus­se­hen
  • Farb­ge­bung (je nach Sor­te)
  • makel­lo­se Scha­le (ohne Schorf, obwohl er für die Genieß­bar­keit bedeu­tungs­los ist)
  • bestimm­te Grö­ße, weder Unter- noch Über­grö­ßen
  • kei­ne „Miss­bil­dun­gen”
  • beque­me Schäl­bar­keit

Die Kar­tof­feln, die jetzt noch in mei­nem Eimer sind, müs­sen gewa­schen wer­den. Es ist mitt­ler­wei­le Stan­dard, nur gewa­sche­ne Kar­tof­feln zu ver­kau­fen. Durch das maschi­nel­le Waschen wer­den Kar­tof­feln beschä­digt und damit aus­sor­tiert. Gene­rell sind die gewa­sche­nen Kar­tof­feln licht­emp­find­li­cher und anfäl­li­ger für Pilz­be­fall. Die übli­che Ver­pa­ckung in Net­zen und Plas­tik­beu­teln tut ihnen eben­falls nicht gut. Zuviel Licht beschleu­nigt die Kei­mung der Kar­tof­feln und lässt sie grün wer­den. Ein Zei­chen dafür, dass sich gif­ti­ges Sola­nin bil­det. Kar­tof­feln soll­ten bei etwa 6 ° C im dunk­len Kel­ler gela­gert wer­den. Doch wer hat den heut­zu­ta­ge noch?

Bei Bio­kar­tof­feln ist der Anteil der Knol­len, die im Ver­pa­ckungs­be­trieb auf der Stre­cke blei­ben mit 30 bis 35 Pro­zent sogar deut­lich höher als bei Kar­tof­feln aus kon­ven­tio­nel­lem Anbau mit sei­nen über 340 zuge­las­se­nen Pflan­zen­schutz­mit­teln. Hier sind es „nur” 16 Pro­zent. Die Ursa­che dafür ist, dass durch den Ver­zicht auf Pes­ti­zi­de deut­lich mehr Scha­len­feh­ler und Fehl­grö­ßen auf­tre­ten. Habe ich jetzt über­haupt noch eine Kar­tof­fel in mei­nem Eimer?

Die aus­sor­tier­ten Kar­tof­feln kön­nen nicht ein­fach zu irgend­wel­chen Kar­tof­fel­pro­duk­ten ver­ar­bei­tet wer­den. Es hat sich näm­lich längst durch­ge­setzt, dass ver­wen­dungs­spe­zi­fi­sche Kar­tof­fel­sor­ten gezüch­tet wer­den. Die von der Lebens­mit­tel­in­dus­trie zu Pom­mes fri­tes, Chips &Co. ver­ar­bei­te­ten Kar­tof­feln müs­sen bestimm­te Eigen­schaf­ten auf­wei­sen um für den indus­tri­el­len Ver­ar­bei­tungs­pro­zess geeig­net zu sein. Beim Aus­sor­tie­ren wer­den die Kar­tof­fel­sor­ten zudem ver­mischt. Sie wer­den schließ­lich zu Bio­en­er­gie, Tier­fut­ter oder indus­tri­el­ler Stär­ke ver­ar­bei­tet.

Der WWF for­dert zu Recht eine Über­ar­bei­tung der Qua­li­täts­an­for­de­run­gen an Lebens­mit­tel. Damit kann auch weni­ger hüb­sche Ware in den Han­del kom­men. Außer­dem wird ein­fach mehr Wert­schät­zung und ein sorg­fäl­ti­ge­rer Umgang mit Lebens­mit­teln ver­langt. Auch für den Ver­brau­cher gibt es in Kar­tof­fel­stu­die-Stu­die ganz kon­kre­te Emp­feh­lun­gen, wie Lebens­mit­tel­ver­schwen­dung ver­mei­den kann:

  • „Lebens­mit­tel­ab­fäl­le zu Hau­se, im Restau­rant und auf dem Weg ver­mei­den. Denn jedes Lebens­mit­tel ist mit einem hohen Ver­brauch an Ener­gie, Was­ser und ande­ren Roh­stof­fen ver­bun­den sowie mit Emis­sio­nen von Schad­stof­fen und Kli­ma­ga­sen in die Umwelt.
  • Das Min­dest­halt­bar­keits­da­tum ist kein Stich­tag zum Weg­wer­fen von Lebens­mit­teln. Pro­duk­te mit einem Min­dest­halt­bar­keits­da­tum kön­nen auch nach Ablauf des auf­ge­druck­ten Datums auf ihre Ver­zehr­bar­keit geprüft wer­den. Nur bei leicht ver­derb­li­chen Pro­duk­ten mit einem Ver­brauchs­da­tum (wie bei Fleisch und Fisch) soll­te das auf­ge­druck­te Datum beach­tet wer­den.
  • Plan­voll ein­kau­fen: Vor dem Ein­kauf den Bedarf an Lebens­mit­teln über­prü­fen, eine Ein­kaufs­lis­te machen und nicht mit lee­rem Magen ein­kau­fen.
  • Hin­wei­se zur rich­ti­gen Lage­rung von Lebens­mit­teln beach­ten, z. B. vz-nrw.de oder was-wir-essen.de.
  • Über­zäh­li­ge Lebens­mit­tel im Bekann­ten- und Freun­des­kreis oder z. B. über foodsharing.de tei­len.”

 Die Kar­tof­fel ist nur ein Bei­spiel von vie­len (sie­he EU-Recht). Aber die Situa­ti­on sieht bei ande­ren Lebens­mit­teln nicht bes­ser aus. Auf­grund kata­stro­pha­ler Män­gel bei der Lage­rung geht in Ent­wick­lungs­län­dern sogar noch ein viel höhe­rer Anteil der Ern­ten ver­lo­ren. Bei Süß­kar­tof­feln sind es in den Län­dern süd­lich der Saha­ra gan­ze 79 Pro­zent. Noch eine Zahl zum Schluss: Jeder Deut­sche wirft im Jahr 300 Euro in Form von Lebens­mit­teln weg. Damit lie­ße sich doch sicher etwas ande­res anfan­gen…

Nur registrierte Benutzer können kommentieren.

  1. Hal­lo,
    es wird Zeit, dass wir mal ‚auf­ste­hen´!!
    So habe ich Juni 2016 ange­fan­gen und ges­tern noch ein­mal einen Arti­kel über unse­re Hüh­ner geschrie­ben.
    Ich freue mich, dass du die­se Lebens­mit­tel­ver­schwen­dung auf­greifst.
    Es brennt an allen Ecken und Kan­ten, wenn wir so wei­ter­ma­chen, vor allem auch mit der Mas­sen­tier­hal­tung.
    Ich geb mal den link zu mei­ner letz­ten Wer­bung für gesun­de Hüh­ner und pos­te dich auf fb:
    https://4alle.wordpress.com/2017/02/05/dummes-huhn-schlauer-als-du-denken-kannst/
    Bis dem­nächst
    Jür­gen aus Loy (PJP)

  2. Super Bei­trag! Es ist echt trau­rig wie vie­le Lebens­mit­tel weg­ge­wor­fen wur­den.
    Es gibt mitt­ler­wei­le aber auch ein paar sozia­le Ein­rich­tun­gen, die die abge­lau­fe­nen Lebens­mit­tel bei Super­märk­ten abho­len. Wenn sie noch ess­bar sind, wer­den sie zum Bei­spiel in Obdach­lo­sen­kü­chen wei­ter ver­wer­tet. Sowas fin­de ich echt gut und ein Vor­bild in unse­rer Kon­sum­ge­sell­schaft.

    Ich wür­de mich freu­en, wenn du mal bei mir vor­bei schaust. Auf mei­nem Blog gibt es unter ande­rem vega­ne Rezep­te.
    https://blaubeerlaeuferin.wordpress.com/

    Vie­le Grü­ße!

      1. Ohje, ich im Spam­ord­ner? Das geht ja gar nicht 😀 😉 Nee quatsch, kenn das Pro­blem, da muss man echt häu­fig kon­trol­lie­ren, dass da kei­ne ech­ten Kom­men­ta­to­ren drin lan­den. Freu mich schon mega auf dei­nen Bei­trag 🙂

  3. Auf einem Markt­stand trug sich fol­gen­des zu (kein Witz!):
    Ein älte­rer Herr schau­te sich die Kar­tof­feln an. Er nahm ein­zel­ne in die Hand, leg­te sie wie­der weg und wur­de dabei immer ver­är­ger­ter. Schließ­lich wand­te er sich wütend an die Ver­käu­fe­rin und schimpf­te los: Was das denn eigent­lich soll, dass hier alle Kar­tof­feln mit Erde ver­dreckt sei­en! So was hät­te er ja noch nie gese­hen! Das wäre ja echt das letz­te!
    Die Ver­käu­fe­rin gab sich alle Mühe und erklär­te freund­lich, dass Kar­tof­feln nun mal unter der Erde wach­sen, und beim Ern­ten blie­be die Erde eben dar­an kle­ben. Sie hier wür­den die Kar­tof­feln nicht so inten­siv waschen. Und dass das der Unter­schied sei zu den sau­be­ren Kar­tof­feln aus dem Super­markt.
    Der älte­re Herr glaub­te ihr nicht, schmipf­te noch etwas her­um und stapf­te dann wütend über so viel Unver­schämt­heit davon.
    (Eine ehe­ma­li­ge Kol­le­gin von mir hat das selbst erlebt! Sie stand dane­ben und such­te die ver­steck­te Kamera…aber es war dem Herrn wohl ernst…)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die Checkbox für die DSGVO Bestimmungen ist zwingend.

Ich stimme zu