Schweineschnauze.
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Besser Fressen mit Moral
Umweltbundesamt will höhere Mehrwertsteuer auf tierische Produkte

8. Januar 2017

In den letz­ten Tagen ging es durch die Medi­en: Das Umwelt­bun­des­amt schlägt eine Erhö­hung des Mehr­wert­steu­er­sat­zes für tie­ri­sche Pro­duk­te auf 19 Pro­zent vor, um damit Sub­ven­tio­nen für kli­ma­schäd­li­che Pro­duk­te abzu­bau­en. In der Pres­se­mit­tei­lung heißt es:

„Auch die Land­wirt­schaft trägt wesent­lich zum Kli­ma­wan­del bei. In Deutsch­land ist sie bei­spiels­wei­se Haupt­ver­ur­sa­cher der Methan- und Lach­gas­emis­sio­nen. Das UBA hat daher die Mehr­wert­steu­er­be­güns­ti­gun­gen für tie­ri­sche Pro­duk­te erst­mals in sei­nem Bericht als umwelt­schäd­li­che Sub­ven­ti­on bezif­fert. Sie belau­fen sich auf 5,2 Mil­li­ar­den Euro. Tie­ri­sche Pro­duk­te wie Fleisch und Milch pro­fi­tie­ren von nur sie­ben Pro­zent Mehr­wert­steu­er, obwohl sie deut­lich kli­ma­schäd­li­cher sind als Getrei­de, Obst oder Gemü­se. Die Pro­duk­ti­on von einem Kilo Rind­fleisch ver­ur­sacht zwi­schen sie­ben und 28 Kilo Treib­haus­gas­emis­sio­nen – Obst oder Gemü­se dage­gen lie­gen bei weni­ger als einem Kilo.“

Für mich ist das Anlass, das The­ma etwas genau­er unter die Lupe zu neh­men. Dar­über, dass in Deutsch­land zu viel Fleisch geges­sen wird, hat­te ich vor eini­ge Tagen schon geschrie­ben und mich dabei hin­sicht­lich der Zah­len aber nur auf Deutsch­land bezogen.

Nach Anga­ben des Welt­agrar­be­richts ist die welt­wei­te Fleisch­pro­duk­ti­on in den letz­ten 50 Jah­ren von 78 auf 308 Mil­lio­nen Ton­nen pro Jahr gestie­gen. Da sich der Fleisch­kon­sum wahr­schein­lich welt­weit auf das Niveau der west­li­chen Welt anglei­chen wird, ist bis 2050 eine Stei­ge­rung auf 455 Mil­lio­nen Ton­nen zu erwar­ten. Der­zeit ist der Fleisch­kon­sum des Durch­schnitts­deut­schen mehr als dop­pelt so hoch wie die eines Durchschnittserdenbürgers.

Lässt man die grund­sätz­li­chen ethi­schen Fra­gen des Umgangs mit Tie­ren ein­mal außen vor, tre­ten die Umwelt- und Gerech­tig­keits­as­pek­te des Ver­zehrs tie­ri­scher Pro­duk­te in den Vor­der­grund. Wie ist es auf Dau­er zu gewähr­leis­ten, die gesam­te Welt­be­völ­ke­rung aus­rei­chend und gesund zu ernäh­ren ooh­ne dabei über kurz oder lang die Umwelt an die Wand zu fahren?

Mehr als die Hälf­te des­sen, was an tie­ri­schen Pro­duk­ten in Deutsch­land her­ge­stellt wird, geht ins Aus­land. Für west­li­che Ansprü­che min­der­wer­ti­ge Bestand­tei­le, wie etwa Hüh­ner­klein und Schwei­ne­fü­ße kon­kur­rie­ren oft mit teu­re­ren regio­na­len Pro­duk­ten um einen Platz in afri­ka­ni­schen Koch­töp­fen. Zum Scha­den ein­hei­mi­scher Wirt­schafts­kreis­läu­fe. Sub­ven­tio­nier­te Bil­lig­fleisch­pro­duk­ti­on für den Welt­markt ist ein lukra­ti­ves Geschäfts­mo­dell. Dabei spie­len ein paar „Spin­ner” mehr, die auf Fleisch ver­zich­ten, kei­ne Rolle.

Es ist eine Bin­sen­weis­heit, dass tie­ri­sche Pro­duk­te, wie Fleisch, Milch und Eier weder auf dem Feld noch auf den Bäu­men wach­sen. Pflanz­li­che Nah­rungs­mit­tel wer­den direkt von der Pflan­ze geges­sen oder zumin­dest direkt aus den geern­te­ten Pflan­zen­tei­len gewon­nen. Bei der Tier­hal­tung wer­den dage­gen die pflanz­li­chen Nähr­stof­fe erst durch das Tier ver­stoff­wech­selt, bevor sie dem Men­schen zugu­te kom­men können.

Der Kalo­ri­en­ver­lust bei der Umwand­lung von Fut­ter­mit­teln zu tie­ri­schen Nah­rungs­mit­teln ist dabei rie­sig:  Er schwankt zwi­schen 2:1 bei Geflü­gel, 3:1 bei Schwei­nen, Zucht­fi­schen, Milch und Eiern und 7:1 bei Rin­dern. Das hat zur Fol­ge, dass über zwei Drit­tel der welt­wei­ten land­wirt­schaft­li­chen Nutz­flä­chen als Wei­de­land genutzt wer­den. Auch das in Deutsch­land gewach­se­ne Getrei­de wird zu 60 Pro­zent verfüttert.

Zumin­dest auf einem Teil der für den Fut­ter­an­bau genutz­ten Flä­chen könn­ten auch pflanz­li­che Nah­rungs­mit­tel ange­baut wer­den. Anders­wo könn­te durch einen gerin­ge­ren Tier­be­stand eine Über­wei­dung ver­mie­den wer­den. Letzt­lich könn­ten vie­le Flä­chen sogar gänz­lich der Natur vor­be­hal­ten blei­ben (sie­he z.B. die Abhol­zung des Regen­wal­des zur Pro­duk­ti­on von Fut­ter-Soja). Statt des­sen müs­sen groß­flä­chi­ge  Mono­kul­tu­ren die Fut­ter­mit­tel für eine indus­tri­el­le Tier­hal­tung erzeu­gen, die schon ob ihrer Inten­si­tät auf klei­ner Flä­che kaum art­ge­recht sein kann. Hin­zu kommt die zur maxi­ma­len Leis­tungs­stei­ge­rung unab­ding­ba­re Not­wen­dig­keit von Qual­zuch­ten (wei­te­rer Link) und der dar­aus fol­gen­de Dau­er­ein­satz von Anti­bio­ti­ka und ande­ren Medi­ka­men­ten mit all sei­nen nega­ti­ven Fol­ge­er­schei­nun­gen für den Menschen.

Was in die Mäu­ler hin­ein­geht, fin­det sei­nen Weg an ande­rer Stel­le bekannt­lich wie­der hin­aus: Wie­der­käu­er pro­du­zie­ren das schäd­li­che Kli­ma­gas Methan, Gül­le und Mist ent­hal­ten Ammo­ni­ak. In eini­gen Regio­nen Deutsch­lands – vor allem im Müns­ter­land und am Nie­der­rhein – ist bereits jetzt das Grund­was­ser so erheb­lich mit Nitrat belas­tet, dass sich die EU-Kom­mis­si­on ver­an­lasst sah, Kla­ge wegen unzu­rei­chen­dem Grund­was­ser­schutz zu erhaben.

Die indus­tri­el­le Tier­hal­tung ist damit zu einem wesent­li­chen Teil für den Kli­ma­wan­del und ande­re Umwelt­schä­den ver­ant­wort­lich. Um die Pari­ser Kli­ma­schutz­zie­le zu errei­chen, müss­ten sowohl der Nutz­tier­be­stand als auch der Fleisch­kon­sum in Deutsch­land bis zum Jah­re 2050 hal­biert werden.

Die Ziel­rich­tung, Sub­ven­tio­nen für tie­ri­schen Pro­duk­te abzu­schaf­fen, ist des­halb auf jeden Fall ein guter Ansatz. Das schließ eine Neu­ber­wer­tung der Mehr­wert­steu­er nach öko­lo­gi­schen Kri­te­ri­en ein. Wäre es aber nicht auch ins­ge­samt an der Zeit, die Agrar­sub­ven­tio­nen (wei­te­rer Link) ins­ge­samt unter den Gesichts­punk­ten Kli­ma-, Umwelt- und Natur­schutz sowie Nach­hal­tig­keit und Gerech­tig­keit neu zu verteilen?

Die Bun­des­re­gie­rung ist gegen eine Erhö­hung der Mehr­wert­steu­er auf tie­ri­sche Pro­duk­te. Die Oppo­si­ti­on auch. Ein Haupt­ar­gu­ment: Ver­teue­rung von Fleisch sei nicht sozi­al­ver­träg­lich und man wol­le die Ernäh­rung nicht ver­teu­ern und nicht über Steu­ern dar­auf Ein­fluss neh­men, was auf den Tel­ler kommt. Was kann man dar­aus erken­nen? – Rich­tig! 2017 gibt es wie­der Wahlen!

Der Stand­punkt der Poli­tik ist aber frag­wür­dig: Die Deut­sche Gesell­schaft für Ernäh­rung (DGE) emp­fiehlt nicht ein­mal halb so viel Fleisch zu kon­su­mie­ren, wie es für den Durch­schnitts­bür­ger der­zeit üblich ist. Wür­den sich alle dar­an hal­ten (und die Pro­duk­ti­on ent­spre­chend gedros­selt), könn­te man allein durch gesun­de Ernäh­rung jedes Jahr schon etwa 22 Mil­lio­nen Ton­nen CO2-Äqui­va­lent ein­spa­ren.

Stu­di­en bele­gen, dass Fleisch mitt­ler­wei­le vor allem ein Lebens­mit­tel der Unter­schicht ist und mit stei­gen­dem Bil­dungs­ni­veau und[/oder] sozia­lem Sta­tus der Fleisch­kon­sum sinkt. Für Groß­bri­tan­ni­en wur­de ermit­telt: Um so intel­li­gen­ter ein Kind ist, um so grö­ßer ist die Wahr­schein­lich­keit, dass es sich spä­ter vege­ta­risch ernährt. Und da auch der Gesund­heits­zu­stand und die Lebens­er­war­tung in der Unter­schicht gerin­ger sind, wäre es nicht „sozi­al ver­träg­lich“, hier einen Anreiz für weni­ger Fleisch auf dem Tel­ler zu schaffen?

Teu­rer wür­de es frei­lich für alle die, die nicht bereit sind, ihre Ernäh­rungs­wei­se wenigs­tens zum Teil zu über­den­ken. Der Vor­schlag des Umwelt­bun­des­am­tes sieht auch vor, die Mehr­ein­nah­men dafür zu ver­wen­den, um die Besteue­rung von Obst und Gemü­se zu sen­ken. Unter Umstän­den kann es für man­chen Ex-Fleisch­esser damit sogar bil­li­ger wer­den. Bereits jetzt gestal­tet die Poli­tik die Fleisch­prei­se über Bei­hil­fen mit und hält sie künst­lich niedrig.

Und was die Steue­rung des indi­vi­du­el­len Ver­hal­tens durch Steu­ern und ande­re finan­zi­el­le Ein­grif­fe betrifft: In die­sem Sin­ne bekom­men  wir z. B. längst vor­ge­schrie­ben, wel­che Ver­kehrs­mit­tel wir zu nut­zen haben (Öko- und Kfz-Steu­er, Park­ge­büh­ren, Sub­ven­tio­nie­rung des ÖPNV), wie wir unse­re Häu­ser (dick mit umwelt­schäd­li­chem Sty­ro­por iso­liert) zu bau­en haben, dass wir unse­re Kin­der nicht selbst erzie­hen, son­dern in Fremd­be­treu­ung (auf deren ideo­lo­gi­sche Aus­rich­tung wir kei­nen Ein­fluss haben) abge­ben sol­len und das Rau­chen hat man uns zum Teil auch schon per Tabak­steu­er abge­wöhnt. Emp­fand das je ein Poli­ti­ker als poli­ti­sche Gängelung?

P.S.: Der Titel die­ses Bei­trags bezieht sich auf das berühm­te Zitat von B. Brecht aus der  Drei­gro­schen­oper „Erst kommt das Fres­sen, dann kommt die Moral.“

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  1. Lei­der ist das Zitat von Brecht immer noch Wirk­lich­keit. Das Ende ist nicht abzu­se­hen. Aber die­se Apel­le an die Gesamt­heit nut­zen nichts. Jeder muss für sich ent­schei­den. Und das dau­ert, bis es vie­le (alle?) sind die es dann auch umset­zen. In der Hoff­nung (sie stirbt zuletzt) auf die Ver­nunft der Men­schen sehen wir der Zukunft ent­ge­gen. LG Hartmut 

  2. Viel­leicht den­ke ich ja naiv. Aber wäre es nicht der ein­fa­che­re, direk­te­re Weg die Bestim­mun­gen der Mas­sen­tier­hal­tung im Sin­ne des Tier­wohls mal kräf­tig anzupassen? 

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