Wanne mit Pflanzen
Lesezirkel | Zeitgeschehen

Mehr als nur ein „Trend“: Degrowth – Ein Erklärungsversuch 
Lässt sich ein globale Zusammenbruch verhindern?

17. Oktober 2016

Wachs­tum im Schne­cken­tem­po ist in” – so kann man seit ges­tern online bei der FAZ lesen. Was im Arti­kel als mehr oder weni­ger „hip­pe” Mode­er­schei­nung daher kommt, könn­te uns bald alle  sehr hart auf dem Boden der Rea­li­tät auf­schla­gen las­sen. Das Ende erscheint so nahe wie lan­ge nicht mehr. Zuneh­men­de mili­tä­ri­sche Kon­flik­te und Natur­ka­ta­stro­phen. Eine nicht nur damit in Zusam­men­hang ste­hen­de,  unüber­schau­ba­re Mas­sen­flucht aus den sich aus­wei­ten­den Kri­sen­ge­bie­ten die­ser Welt. Das alles scheint Was­ser auf die Müh­len der Unter­gangs­pro­phe­ten und Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker zu sein. Aber was steckt nun wirk­lich dahin­ter?

Öffent­lich­keits­wirk­sam kri­ti­sier­te erst­mals im Jah­re 1972 der „Club of Rome” in sei­ner Stu­die „Die Gren­zen des Wachs­tums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Mensch­heit”* das Para­dig­ma des unbe­grenz­ten Wachs­tums. Die Autoren leg­ten dar, dass die natür­li­chen Res­sour­cen der Erde in den nächs­ten 100 [aktu­ell 56] Jah­ren erschöpft sei­en. – Sofern Bevöl­ke­rungs­wachs­tum, Indus­tria­li­sie­rung, Aus­beu­tung der natür­li­chen Res­sour­cen, Nah­rungs­mit­tel­pro­duk­ti­on und Umwelt­ver­schmut­zung unver­än­dert fort­ge­setzt wer­den. Unser Hei­mat­pla­net wer­de nicht nur irrepa­ra­bel geschä­digt, son­dern auch ein glo­ba­ler Kol­laps her­bei­ge­führt. Das sei nur zu ver­hin­dern, wenn ein öko­lo­gi­scher und wirt­schaft­li­cher Gleich­ge­wichts­zu­stand her­ge­stellt wer­de. Kurz gesagt: Es kann nur kon­su­miert wer­den, was bereits im Wirt­schafts­kreis­lauf vor­han­den ist. Neu­en Input darf es nicht geben.


- Anzei­ge -

Zwar erreg­te die­se äußerst düs­te­re Pro­gno­se sei­ner­zeit gro­ßes öffent­li­ches Auf­se­hen. Das Selbst­ver­ständ­nis der maß­geb­li­chen Eli­ten beein­fluss­te sie kaum. Zwar ent­stan­den – zunächst vor dem Hin­ter­grund der Ölkri­se und spä­ter des Kli­ma­wan­dels – durch­aus neue Tech­no­lo­gi­en. Sie ver­such­ten vor allem der Umwelt­ver­schmut­zung Ein­halt zu gebie­ten und vor­han­de­ne Roh­stof­fe effi­zi­en­ter zu nut­zen.

Trotz z.T. mas­si­ver Kri­tik konn­ten die Vor­her­sa­gen der Stu­die spä­ter mehr­fach bestä­tigt wer­den: Im Jah­re 2008 stell­te eine Stu­die der „Com­mon­wealth Sci­en­ti­fic and Indus­tri­al Rese­arch Orga­ni­sa­ti­on” die weit­ge­hen­de Über­ein­stim­mung der Pro­gno­sen mit den tat­säch­li­chen Daten der Jah­re 1970 bis 2000 fest und unter­mau­er­te die Pro­gno­se eines glo­ba­len Zusam­men­bruchs noch in der Mit­te des 21. Jahr­hun­derts [in etwa 34 Jah­ren]. Die Ana­ly­se „2052. Der neue Bericht an den Club of Rome. Eine glo­ba­le Pro­gno­se für die nächs­ten 40 Jah­re”* von Jør­gen Rand­ers aus dem Jah­re 2012 bezog die inzwi­schen neu ent­deck­ten Roh­stoff­vor­kom­men mit ein. Auch sie kam nicht zu einem grund­le­gend ande­ren Ergeb­nis.

Im Zeit­al­ter der Ceta- und TTIP- Revol­te schei­nen sich nun erst­mals die Mehr­heits­ver­hält­nis­se zu ver­schie­ben. Wachs­tum ist out! – Zumin­dest in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung. Die Vehe­menz, mit der die Aus­ein­an­der­set­zung um die bei­den Frei­han­dels­ab­kom­men betrie­ben wird, zeigt, dass es mitt­ler­wei­le um mehr geht. Zur Debat­te steht das Pos­tu­lat eines unver­zicht­ba­ren Wirt­schafts­wachs­tums. Nach dem untrüg­li­chen Bauch­ge­fühl vie­ler Zeit­ge­nos­sen kann es so nicht wei­ter­ge­hen:

Fakt ist, dass die Wirt­schaft in Deutsch­land nach wie vor wächst. Dar­an konn­te selbst die Finanz­kri­se nicht rüt­teln. Fakt ist aber auch, dass immer grö­ße­re Tei­le der Bevöl­ke­rung – und das gilt prak­tisch welt­weit – von die­sem Wachs­tum nichts, aber auch rein gar nichts haben. Im Gegen­teil: Wert­schöp­fung und Gewin­ne stei­gen. Der Steu­er­zah­ler muss immer häu­fi­ger die Zeche für die Aus­wüch­se einer völ­lig ver­fehl­ten Finanz­po­li­tik und die Ver­säum­nis­se best­be­zahl­ter Mana­ger zah­len. Der Durch­schnitts­bür­ger hat aber unter dem Strich weder mehr Geld noch die Garan­tie von „Life, Liber­ty and the Pur­su­it of Hap­pi­ness” (wie von der Ame­ri­ka­ni­schen Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung pos­tu­liert) .

Wäh­rend dem unter Armut lei­den­den Har­zIV-Kind die Drei-Euro-Kin­der­geld­erhö­hung gleich wie­der vom Job­cen­ter abge­nom­men wird,  schei­nen Mil­li­ar­den für Ban­ken­ret­tung, Grie­chen­land­hil­fe und nun auch nicht enden­de Flücht­lings­strö­me uner­war­tet vom Him­mel in die Staats­kas­se gefal­len zu sein. Die Aus­sa­ge, dass dadurch nie­mand einen Euro weni­ger in der Tasche hat, stimmt. Aber wer hat die­se Mil­li­ar­den eigent­lich erwirt­schaf­tet? Wem ste­hen sie zu? Wer soll­te über ihre Ver­wen­dung zumin­dest mit­tel­bar mit­ent­schei­den kön­nen?

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Die Zins­po­li­tik der Noten­ban­ken ist in eine nicht zu stop­pen­de Abwärts­spi­ra­le gera­ten. Bis vor weni­gen Jah­ren wur­de dem ver­ant­wor­tungs­be­wuss­ten Bür­ger das Anle­gen einer pri­va­ten Alters­vor­sor­ge auf­ge­schwätzt. Wie die meis­ten seriö­sen Geld­an­la­gen wur­de genau sie durch unter Null sin­ken­de Zin­sen  immer mehr zur Geld­ver­nich­tungs­ma­schi­ne. Selbst die Tage des Spar­strumpfs sind gezählt: Die Abschaf­fung des Bar­gel­des soll neben Kri­mi­na­li­tät und Geld­wä­sche die letz­te freie Ver­fü­gungs­mög­lich­keit des klei­nen Man­nes (und der klei­nen Frau) zunich­te machen. („Von Bofin­ger bis Rog­off. Damit sie Straf­zin­sen ver­hän­gen kön­nen: Die­se Exper­ten wol­len uns das Bar­geld weg­neh­men” – Focus)

Im weit­ge­hend unver­däch­ti­gen „mana­ger maga­zin“ war schon zu Jah­res­be­ginn zu lesen: „Es wird ernst mit der Ent­eig­nung”. Autor Dani­el Stel­ter schreibt „Um den Zusam­men­bruch [des Finanz­sys­tems auf­grund von Über­schul­dung] zu ver­hin­dern, sind wir aller­dings in einer Abwärts­spi­ra­le gefan­gen. Die tie­fen Zin­sen von heu­te erfor­dern noch tie­fe­re Zin­sen mor­gen, um das Sys­tem eine Run­de wei­ter zu bekom­men.” Die Nega­tiv­zin­sen sei­en fak­tisch eine Steu­er auf die Bank­gut­ha­ben. Die­ses Geld sei eine „Sanie­rungs­hil­fe” für „Ban­ken und Schuld­ner, die ihren Ver­pflich­tun­gen nicht nach­kom­men kön­nen.” Das Bar­geld­ver­bot trä­fe vor allem die Mit­tel­schicht. Also jene, die zu wenig Ver­mö­gen haben, um es ander­wei­tig als bei Ban­ken anzu­le­gen.

Noch deut­li­cher spricht es Max Otte aus: „Ohne Bar­geld lässt sich die Ent­schul­dung der Staa­ten, die Ent­eig­nung der Spa­rer und der Neu­start unse­res Finanz­sys­tems viel ein­fa­cher durch­füh­ren. Und die­ser Neu­start muss kom­men. Es ist aus­ge­schlos­sen, dass das Sys­tem jetzt noch zu ret­ten ist.” („Men­schen wer­den zu Daten­sät­zen” – ZDF)

Ach ja: Bun­des­bank, Finanz­mi­nis­ter und Bür­ger sind bis­lang gegen die Abschaf­fung des Bar­gelds. Wie­so müs­sen sich die Bür­ger „…damit abfin­den: Die Bar­geld-Abschaf­fung kommt ganz sicher” (Focus)?

Ist es nicht ver­ständ­lich, wenn ange­sichts der­ar­ti­ger Sze­na­ri­en immer mehr Men­schen den Mund auf­ma­chen und/​oder auf die Stra­ße gehen, weil sie sich nicht kon­trol­lie­ren und bevor­mun­den las­sen wol­len? Der Shit­s­torm gegen Pegida&Co. ist frei­lich bes­tens geeig­net, um von den eigent­li­chen Pro­ble­men abzu­len­ken (und die Lin­ken zu beschäf­ti­gen). Lösungs­vor­schlä­ge?

„Degrowth”, engl. für Wachs­tums­rück­nah­me, bedeu­tet nichts ande­res als die Reduk­ti­on des Kon­sum- und Pro­duk­ti­ons­wachs­tums. Kon­kret: Nur kau­fen und besit­zen, was wirk­lich benö­tigt wird. Din­ge benut­zen, bis sie nicht mehr repa­ra­bel sind. Tau­schen. Schen­ken und ver­schen­ken. Weg­wer­fen nur als letz­tes Mit­tel unter der Maß­ga­be des Recy­clings. Und das alles unter mög­lichst voll­stän­di­gem Aus­schluss von sozi­al und öko­lo­gisch nega­ti­ven Fak­to­ren. So wer­den Umwelt und Res­sour­cen geschont und letzt­lich für den Ein­zel­nen mehr Lebens­qua­li­tät geschaf­fen.

Im Gegen­satz dazu kön­nen die „altern­den Volks­wirt­schaf­ten” (wie unse­re) ihr Wachs­tum nur noch durch immer wei­te­re Stei­ge­rung des Mas­sen­kon­sums  über die Befrie­di­gung der mensch­li­chen Grund­be­dürf­nis­se hin­aus und die Erzeu­gung neu­er zwei­fel­haf­ter Bedürf­nis­se auf­recht erhal­ten. Es wird grund­sätz­lich in Fra­ge gestellt, ob das am Brut­to­in­lands­pro­dukt gemes­se­ne  Wirt­schafts­wachs­tum über­haupt Rück­schlüs­se auf den Lebens­stan­dard und die Lebens­qua­li­tät der Bevöl­ke­rung erlaubt. Der Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler und Wachs­tums­kri­ti­ker Tim Jack­son erklärt das so:

„Der ein­zi­ge mora­li­sche Rah­men, der dem Kapi­ta­lis­mus noch bleibt, ist einer, in dem öko­lo­gi­sche und sozia­le Gerech­tig­keit Hand in Hand gehen. Wohl­stand für weni­ge, der mit Umwelt­zer­stö­rung und Unge­rech­tig­keit erkauft wird, ist kei­ne Grund­la­ge für eine zivi­li­sier­te Gesell­schaft. Ein ele­men­ta­rer Feh­ler des Kapi­ta­lis­mus besteht dar­in, Bür­ger mit Kon­su­men­ten zu ver­wech­seln und Wohl­stand mit Ein­kom­men. Auf einem end­li­chen Pla­ne­ten ein gutes Leben zu füh­ren kann weder dar­in bestehen, immer mehr Güter zu kon­su­mie­ren, noch dar­in, immer mehr Schul­den anzu­häu­fen. Denn wenn der Begriff des Wohl­stands irgend­ei­nen Sinn haben soll, dann muss er auf die Qua­li­tät unse­res Lebens und unse­rer Bezie­hun­gen zu ande­ren Men­schen zie­len, auf die Anpas­sungs­fä­hig­keit und Wider­stands­kraft unse­rer Gemein­schaf­ten sowie auf unser Gefühl dafür, was uns indi­vi­du­ell und kol­lek­tiv etwas bedeu­tet.“
(„Wir Uner­sätt­li­chen” – Die Zeit)

Um auf den ein­gangs ver­link­ten Arti­kel aus der FAZ zurück­zu­kom­men: Der „Rigo­ris­mus des Ver­zichts kämpft gegen die eige­ne mensch­li­che Natur als ihren Feind. Schon der Ver­zicht aufs iPho­ne wird hart. Selbst für einen ein­ge­fleisch­ten Wachs­tums­kri­ti­ker.” – Ich hat­te noch nie ein iPho­ne und benö­ti­ge auch keins. Mein uraltes Andro­id-Smart­pho­ne tut’s auch. Man kann damit sogar blog­gen. Ver­zicht tut gut und befreit unge­mein. Er schenkt Lebens­zeit für schö­ne­re Din­ge als hirn­lo­sen Kon­sum.

Letz­te Aktua­li­sie­rung: 24. Mai 2018 @ 0:56

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